Leseproben

Folgen eines Gesetzes

Kapitel 3 aus „Unterwegs zum neuen Lebenslauf“

Das »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« trat am 7. April 1933 in Kraft. Es bestimmte in § 3,1: „Beamte … nicht arischer Abstammung sind in den Ruhestand zu versetzen“ §3,2 legte fest, dies gelte nicht für Beamte, die im Weltkrieg an der Front gekämpft haben. Und in § 4 heißt es, „Beamte, die nach ihrer bisherigen politischen Betätigung nicht Gewähr dafür bieten, dass sie sich jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat einsetzen, können aus dem Dienst entlassen werden“.

Mein Vater hat an verschiedenen Kämpfen an der Westfront teilgenommen. Dabei war er, Angehöriger einer Terlegraphenabteilung, in einen Giftgasangriff geraten. Die unter Aufsicht Fritz Habers – des Erfinders chemischer Kampfstoffe ─ vorgetragene Operation, das sogenannte Blasverfahren, fand zur Unzeit statt. Denn kaum waren die Ventile der Gasbehälter geöffnet worden, erwiesen sich die Prognosen der deutschen Heeresmeteorologen als falsch. Der Wind tat das, was er aus deutscher Sicht unter keinen Umständen hätte tun dürfen, ─ er sprang um. Wehte also, anstatt in die prognostizierte, die feindliche Richtung, der eigenen Truppe ins Gesicht und damit in die Lücken der noch fehlerhaften Gasmasken. Mein Vater konnte, so erzählte er, sich wenden, wohin er wollte, – ihm wurde übel, er taumelte, fiel zu Boden. Er versank in einen Abwesenheitszustand, der ihn absolut wehrlos machte, nicht das geringste mehr wahrnehmen ließ. Total abgeschnitten von der Welt, vegetierte er dahin, bis er im Feldlazarett aufwachte und sich erholte. Im Wehrpass stand alles verzeichnet. Auch besaß mein Vater die Urkunde, die ihn zum Tragen des »Ehrenkreuzes für Frontkämpfer« berechtigte, das weniger eine Auszeichnung für bewiesene Tapferkeit als vielmehr ein Trostpflaster war, eine Bestätigung dafür, am Krieg teilgenommen zu haben. Gut zu gebrauchen nach dem 7. April 1933.

C.F. im Kreis der „Kameraden“ Foto: privat

Was die Politik anging, verhielt sich mein Vater stets abwartend. Näherte sich ein Gespräch Themen, die er für brisant hielt, schüttelte er den Kopf oder nickte, hörte zu, wiegelte ab, sprach kaum ein Wort. Den ab 1933 sogenannten »Abstimmungen« konnte er, ein Beamter der Deutschen Reichspost, unmöglich fernbleiben. Mich an der linken Hand hinter sich herziehend und gefolgt von meiner Mutter, betraten wir das Abstimmungslokal, irgendein Klassenzimmer oder das »Braune Haus«, die Dienststelle der NSDAP. Mit erhobenem rechtem Arm grüßten meine Eltern die Aufsicht führenden SA-Männer und wechselten ein paar unverfängliche Worte mit ihnen. Möglichst schnell legten meine Eltern ihren Wahlberechtigungsschein vor, erhielten den Stimmzettel mit dem Umschlag und warteten, bis die Kabine für sie frei war: ein Mann und seine Frau unter Millionen anderer Männer und Frauen, die ihr Kreuzchen machten im Kreis mit dem Ja in der Mitte.

Einmal freilich, in der »Weimarer Zeit« hatte mein Vater in jugendlichem Überschwang alle Vorsicht aufgegeben. Spät abends, im Schutz der Dunkelheit, war er mit Gleichgesinnten durch die Straßen gelaufen. Einer habe einen ausrangierten Marmeladeneimer voll Leim geschleppt, ein anderer eine Quaste geschwungen, ein dritter einen Karren mit Wahlplakaten gezogen. An Litfaß-Säulen und Bretterwänden konnten die Wahlberechtigten anderentags lesen, wem sie ihre Stimme geben sollten: ─ dem mit seinem Porträt angekleisterten Kandidaten der DVP: Gustav Stresemann. Diese Nacht- und Nebelaktion hatte ihren weitreichenden Abschluss gefunden bei einem Tanzvergnügen. Viele junge Leute hätten sich in den Trubel gestürzt, sagte mein Vater, hätten getanzt, getrunken, gelacht, den jungen Damen den Hof gemacht. Du auch?, fragte ich. Antwort: Du kennst doch deine Mutter.

Zehn Jahre nach dem ausgelassenen Ballvergnügen, bei dem mein Vater als Charlestontänzer Furore gemacht haben soll, ernannte der, den man den greisen Feldmarschall nannten, den obersten Repräsentanten der NSDAP zum Reichskanzler. Nie habe ich gehört, dass meine Eltern von ihm als dem böhmischen Gefreiten sprachen. Immer war vom »Führer« die Rede, auch wenn seine Regierungszeit mit einem Brand begann. Nach allem, was ich im Lauf der Jahre von meinen Eltern dazu gehört habe, empfanden sie die Feuersbrunst in Berlin als unschön. Ein so großes, ehrwürdiges, repräsentatives Gebäude, dessen Grundstein der Eiserne Kanzler gelegt hatte, kurzerhand den Flammen zu überantworten, ─ das ging selbst den gutwilligsten Bürgern gegen den Strich. Aber als im Volksblatt stand, wer der Brandstifter war ─ ein Kommunist und ein Ausländer dazu ─ , durften sich die Roten aller Schattierungen nicht wundern, wenn ihre Tage gezählt waren. Andererseits weiß ich, gerade das kam meinen Eltern nicht geheuer vor. Damals wohnten sie mit einem engagierten Sozialdemokraten in einem Haus. Man grüßte sich nicht nur, man blieb auch beieinander stehen und redete miteinander, zumal Lotti, die Tochter dieses Mannes, täglich mit mir spielte. Und der gehörte jetzt zu denen, die auf einer Abschussliste standen? Da musste man Vorsicht walten lassen, die Gespräche auf das Allernötigste beschränken. Man lebte ja nicht allein, hatte ein Kind, und mein Vater war darauf angewiesen, seinen Beruf auszuüben. Unbehelligt wollte er mit seiner Familie leben und seinen Liebhabereien nachgehen. Er, dem alles Politische unheimlich und tief zuwider war und bis ans Lebensende fremd geblieben ist, machte in einer hochpolitischen Zeit eine Konzession, um ein für alle Mal Ruhe zu haben. Am 1. März 1933 wurde er Parteigenosse, ein »Märzgefallener«.

Mochte er ─ nach außen hin ─ damit erfolgreich sein, im Zusammenleben mit meiner Mutter erwies sich der angestrebte Zustand als nicht so stabil wie erwartet. Mir ist nicht verborgen geblieben, wie begeistert und gläubig meine Mutter Die Fahne hoch, / Die Reihen fest geschlossen… sang, mein Vater summte höchstens die zweite Stimme mit, wie er’s immer tat, wenn er Chorgesängen nicht ausweichen konnte. Meine Mutter lauschte andächtig den Führer- und Goebbelsreden, mein Vater sehnte ungeduldig den Moment herbei, da das Rundfunkprogramm mit alten Schlagern und schönen Operettenmelodien fortgesetzt wurde. Meine Mutter erging sich in gewagten Zukunftsperspektiven und schwärmte von der Volksgemeinschaft. Meinem Vater war alles Gemeinschaftliche, an den Wochenenden die Eintopfesserei nicht minder wie die im Gleichschritt Marschierenden, ein Gräuel. Obwohl meine Mutter besser als jeder andere in der Familie wissen musste, was sie tat, als sie ihm um seines beruflichen Fortkommens willen empfahl, ein sogenannter Politischer Leiter zu werden, legte sie meinem Vater gerade das als eine überlegenswerte Chance nahe. Als Goldfasan in kackbrauner Uniform, mit einer Sammelbüchse klappernd, in der Stadt herumlaufen? Er, ein Mann aus den sogenannten besseren Kreisen? Seitdem er das feldgraue Kleid ausgezogen und in einen Abfallkübel geworfen hatte, wollte er um nichts in der Welt mehr mit Uniformen und Stiefeln zu tun haben, gleichgültig, ob sie braun oder schwarz waren.

Bald danach kam es zu neuerlichen Verstimmungen. Meine Mutter, gewitzt durch die Abfuhr, die sie sich bei der Goldfasanaffäre eingehandelt hatte, lenkte das Gespräch vorsichtig auf das Bekenntnisproblem. Zwar waren meine Eltern von einem Pastor getraut worden, aber nicht in der Kirche, in dem achthundert Jahre alten romanischen Bau, der Zierde unserer Stadt,

Evangelische Kirche Hilden, Foto Stadtarchiv Hilden

sondern im eigens dafür hergerichteten Esszimmer meiner Großeltern. Auf einem Foto ist die Ansicht des umfunktionierten Raums überliefert: im Erker ein mit einem weißen Tuch abgedeckter Tisch, darauf ein weißes Kreuz, daneben zwei stattliche Kerzen, in deren Mitte eine aufgeschlagene Bibel, überwölbt von einem Blumenstrauß. Vor dieser Dekoration haben sich die weiß gekleidete Braut und der Bräutigam in schwarzem Anzug das Jawort gegeben, – bis dass der Tod euch scheidet. Mit dem für die Trauung unverzichtbaren Pastor sollen meine Großeltern das gehabt haben, was meine Mutter mit dem Ausdruck gewisse Probleme umschrieb. Genaueres habe ich dazu nie erfahren. Ich weiß nur, sie existierten. Heute scheint mir, dass sich meine Mutter von zweierlei befreien wollte: von den gewissen Problemen – und davon eine politisch unzeitgemäße Ehe zu führen. Wie auch immer, ─ meine Mutter gab meinen Vater den dringenden Rat, dass es vorteilhaft und höchste Zeit sei, aus der Kirche auszutreten und gottgläubig zu werden.

Brüsk wies mein Vater das zurück und verzichtete auf Beförderung und Karriere. Wahrscheinlich war er es , der mich dazu bestimmte, in die Kinderunterweisung, den sogenannten Kindergottesdienst zu gehen. Besuchten meine Eltern den Gottesdienst, was sie freilich weder damals noch später allzu oft taten, gingen sie in die Kirche und nicht in den Betsaal.

Meine Eltern erklärten mir, in diesen kahlen, unwirtlichen Versammlungsraum, in dem es penetrant nach kaltem Kaffe rieche, abscheulicher Bohnerwachsgestank das Atmen schwer mache und ein total verstimmtes Harmonium eine Orgel ersetze, könne nur gehen, wer über einen verwinkelten Hinterhof schleiche. Die Leute, die das täten, seien bleiche, hagere, tuberkulös aussehende Typen: Sektenmitglieder. Sie sonderten sich von den anderen ab in der unerschütterlichen Gewissheit, den reinen, unverfälschten Glauben für sich gepachtet zu haben. Ihres Eigensinns wegen hätten sie allen Grund, hinter hochgeschlagenen Mantelkrägen die Köpfe einzuziehen und über den Hinterhof zu huschen. Heute ist mir klar, warum sie das Licht unserer kleinstädtischen Öffentlichkeit scheuten: Sie waren christlich motivierte Oppositionelle, Leute, die nicht nur auf einer theologisch reinen Bibelauslegung bestanden, sondern dem Nationalsozialismus und seiner Propaganda reserviert bis feindlich gegenüberstanden: Sie gehörten der Bekennenden Kirche an. Von solchen Zeitgenossen hielten sich meine Eltern fern. Sie blieben – gewisse Probleme hin, gewisse Probleme her ─ alten Gewohnheiten treu. Sonntäglich gekleidet, das Gesangbuch in der Hand, überquerten sie aufrecht, für jedermann sichtbar, die Hauptstraße und schritten auf das ehrwürdige Portal der über achthundert Jahre alten romanischen Kirche zu.

In der Adventszeit brannten dicke rote Kerzen auf einem vom Tonnengewölbe herabhängenden Tannenkranz. An Weihnachten standen zwei riesige, mit Kerzen geschmückte Fichten rechts und links neben dem Altar. Meine Eltern setzten sich stets auf einen Platz, von dem aus sie die Kerzenpracht ungestört genießen konnten. Sobald Orgel-Heinrich ─ der bis ins hohe Alter tätige, mit uns verwandte Organist ─ sich an den Pedalen und Manualen zu schaffen machte, griff meine Mutter zum Gesangbuch, schlug das intonierte Lied auf und öffnete und schloss den Mund im Takt der Musik. Nie habe ich gehört, dass sie einen Ton hervorbrachte. Verlegen entschuldigte sie sich damit, total sangestuntauglich zu sein. Schon ihr Musiklehrer habe kapitulieren müssen: Mach, was du willst, nur quäl’ uns bitte nicht mit deinem Krächzen!

Anders mein Vater. Er summte die sogenannte zweite Stimme mit, von Strophe zu Strophe immer lauter und musikalisch einwandfrei. Das freilich hinderte die vor uns Sitzenden nicht daran, sich kopfschüttelnd umzudrehen. Dann zuckte mein Vater zusammen, blickte verstört in die Runde. Ich merkte, dass er aus dem Zustand tiefer Abwesenheit aufwachte. Gottesdienst war für meinen Vater der Blick in Kerzenflammen und das Summen der zweiten Stimme.

Hatte der Pastor den Gottesdienst mit dem Vaterunser und dem Segen beendet, freute sich die Gemeinde, endlich aufstehen zu können. Man schlenkerte mit den eingeschlafenen Beinen herum und ging zum Turmportal. Da stand ein weiterer Verwandter, Vetter Edo. Ein geflochtenes Körbchen in der Hand, sammelte er die Kollekte ein. Den Kopf leicht abwärts geneigt, achtete er auf die Höhe der Spenden. Wenn statt einer Münze ein Geldschein eingeworfen wurde, verneigte sich Vetter Edo kurz und wusste am Schluss ziemlich genau über die Summe Bescheid, die er eingesammelt hatte. Und auch darüber, wer sich als spendabel erwiesen, wer als Geizkragen zu gelten hatte. Hatten die Gottesdienstbesucher den Klingelbeutelzerberus hinter sich, blieben sie vor dem Turmportal stehen, begrüßten sich, redeten dies und das, verabschiedeten sich und schlenderten nach Hause oder eilten zum Stammtisch. Über das, was sie von der Kanzel herab gehört hatten, verlor niemand ein Wort. Schweigend fanden sich alle damit ab, der Predigt eines Deutschen Christen zugehört zu haben.

Frage ich mich heute, was meinen Vater dazu bewogen hat, nicht dem Wunsch meiner Mutter zu entsprechen und gottgläubig zu werden, wie das damals hieß, sondern der Gemeinde treu zu bleiben, die sich in dem romanischen Baudenkmal versammelte, drängt sich mir eine Überlegung auf, die nichts mit Theologie, Weltanschauung oder Architekturgeschichte zu tun hat: Wessen Vater in der Kirchenvertretung tätig gewesen war, wessen Onkel die Orgel spielte, wessen Vetter die Kollekte einsammelte, der geht dahin, wohin seit jeher die in auf- und absteigender Linie Verwandten gingen: in die Kirche und nicht in den Betsaal.

Mein Vater, im Frühjahr 1933 siebenunddreißig Jahre alt und Beamter der Deutschen Reichspost, bekam bald nach der Verkündung des Berufsbeamtengesetzes zwei Formblätter zugestellt: einen Abstammungsnachweis und einen Stammbaum. Beide Fragebögen mussten ausgefüllt und, mit beglaubigten Dokumentenabschriften versehen, abgeschickt werden. Es gab kein Pardon.

Wie schon ein flüchtiger Blick auf das Stammbaumformular zeigt, verlangen dessen Fragen Auskünfte bis zur Generation der Ururgroßeltern und, wenn möglich, noch darüber hinaus. So ausdauernd und unterhaltsam mein Vater von früher erzählen konnte, so wenig kam es jetzt auf weitschweifige Geschichten, auf die mit Knalleffekten angereicherte Inszenierung einer sogenannten besseren Familie an. Es ging um nachprüfbare Informationen: um Namen, Geburts- und Sterbedaten, Angaben zum religiösen Bekenntnis und zum Verwandtschaftsgrad. Die Zeit der Schnurren und pointiert vorgetragener Anekdoten war vorbei. Wir sind in das Zeitalter der Genealogie eingetreten, aber auch in das der genealogischen Verdächte (Gottfried Benn).

[…]

1933 rückte Robert, der früh verstorbene, herzkranke Bruder meiner Großmutter, in den Mittelpunkt des Familieninteresses. Er hatte sich seine Leidenszeit damit verkürzt, fortwährend in alten Papieren zu kramen. Sobald er aufstehen und Bett und Haus verlassen durfte, besuchte er Standes- und Kirchenämter, um jedes Mal mit neuen Dokumentenabschriften heimzukommen. Deren Originale entdeckt zu haben, hatte ihm den Ruf eines genialen Genealogen eingetragen. Mein Großvater, um die berufliche Zukunft seines Sohnes besorgt, die nur er – und er am allerbesten – abschätzen konnte, öffnete Schränke, zog Schubladen auf, kehrte das Unterste zu oberst und kippte alles, was er gefunden hatte, auf dem Esszimmertisch aus. Nach intensivem Suchen hielt mein Großvater endlich ein paar großformatige, vergilbte, mit einer wie gestochenen Handschrift bedeckte Foliobögen in der Hand. Auf einen Blick stand fest: das ist Roberts Hand, und was da geschrieben steht, seine Ahnentafel. Der längst Verblichene, der weder Geschichte studiert noch eine genealogische Fachausbildung absolviert hatte, hatte mit geradezu professioneller Akribie seine Vorfahren erforscht, er war zum Ahnenfanatiker geworden. Bis 1653 war er zurückgegangen, bzw. vorgestoßen. Alle Namen, Daten usw. entsprachen den genealogischen Tatsachen: kein schwarzes Schaf im mütterlichen Familienzweig, keine »rassisch« anrüchige Existenz im Urvätergewimmel bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts. Aus dem früh verstorbenen Bruder meiner Großmutter ist unser Robert geworden. Seine gestochen scharfe Handschrift rückte in den Rang einer heiligen Schrift auf. Nach ihr füllte mein Vater eigenhändig die Formulare aus, besorgte die notwendigen Belege und fügte sie bei.

Was aber hatte es mit den Fraass’ auf sich? Über diese Familie, auf die ─ was die Existenz meines Vaters angeht ─ fünfzig Prozent Erbgut und damit Blut entfallen, gab es seit eh und je gewisse Andeutungen. Niemand, der nicht zum innersten Familienkreis gehörte, sollte davon ein Sterbenswörtchen erfahren, wie umgekehrt alle in den engsten Zirkel Aufgenommenen darüber kein Sterbenswörtchen verlieren durften.

Die Biographie meines Großvaters bot keine Schwierigkeiten, bis auf den Namenswechsel. Dazu gab es ein preußisch-deutsches Dokument. Auch die Angaben über meinen Urgroßvater ─ er trug den gleichen Vornamen wie sein Sohn Otto ─ schienen kaum fragwürdig zu sein: Geburtstag: 10. Oktober 1832. Religion: Evangelisch. Beruf: Bahnbeamter, zuerst in Köln und später in Mülhausen. Da heiratete er die Tochter eines Webers aus Bussang / Vogesen, mit der er sechs Kinder hatte. Und wo ist dieser Otto Fraass sen. geboren? In Ostpreußen, lautete die lakonische Antwort.

Bei diesen Auskünften blieb es, bis mein Vater ohne Ankündigung und längst nicht so auffällig wie bei der Bekanntgabe unseres ursprünglichen Namens, damit herausrückte: Dein Urgroßvater war in Köln Soldat. Wann, bei welchem Regiment, bei welcher Waffengattung, erfuhr ich nicht. Was mein Vater aber erwähnte, weil er es für erklärungsbedürftig hielt, war die Tatsache, dass mein Urgroßvater schon im Alter von nur 50 Jahren gestorben war. Traurig, sagte mein Vater, sehr traurig. Erschütterung war ihm nicht anzumerken. Er redete sachlich, kurz angebunden. Ohne dass sich seine Stimme verändert hätte, teilte mein Vater mir mit, mein Urgroßvater sei verunglückt: Auf dem Mülhauser Bahnhof, beim Rangieren zwischen die Puffer zweier Waggons geraten, sofort tot.

Berufsunfall?

Ja.

Ich hatte den Eindruck, meinem Vater kam diese Feststellung gelegen. Wir redeten dann nicht weiter darüber. Die Sache schien abgetan, bis mein Vater darauf zurückkam. Hör zu, sagte er, du sollst jetzt die ganze Geschichte erfahren. Er druckste herum, begann zu sprechen, brach ab, setzte neu an, unterbrach sich wieder, zündete sich eine Zigarette an. Den Rauch von sich wegblasend, sagte er schließlich: Der Unfall auf dem Mülhauser Bahnhof war kein Unglück. Otto Fraass sen. sei ein lieber, gütiger, verständnisvoller Vater und Ehemann, aber ein entschieden auftretender, jähzorniger Vorgesetzter gewesen. Die Arbeiter, die unter seiner Aufsicht standen, hätten nichts zu lachen gehabt. Sie rächten sich an ihm und stießen ihn zwischen zwei auf einander zurollende Waggons. Diesem Aufprall sei mein Urgroßvater zum Opfer gefallen.

Bei den Angaben, die mein Vater mir vom Beruf und vom Sterben meines Urgroßvaters machte, fallen Unterschiede auf. Erschien der Tod zuerst als Unglück, verwandelte er sich später in eine absichtlich herbeigeführte Tat: Mord oder Totschlag. Ein Kriminalfall also, verlagert auf die Berufsebene, auf der es um das Verhältnis eines Vorgesetzten zu seinen Untergebenen ging.

Kann das etwas damit zu tun haben, dass mein Urgroßvater Soldat gewesen ist? Wenn ja, was? War mein Urgroßvater während seiner militärischen Dienstzeit in Streitigkeiten verwickelt, die zum Hass führten? Dazu, dass alte Rechnungen beglichen wurden?

Wir dürfen uns nicht mit dem zufrieden geben, was uns die Väter erklären. Was auch immer sie sagen, wir müssen skeptisch sein. Wer, wenn nicht die Kinder, haben das Recht dazu. Sie müssen über die Väter hinausgehen, müssen alles aus ihnen herausfragen, was diese wissen, auch und gerade das, was sie verschweigen oder umgehen wollen. Je mehr die Väter dazu neigen, ihre Texte, womit auch immer, unangreifbar zu machen, desto entschlossener haben die Kinder darauf hinzuarbeiten, die Vatertexte zu revidieren. Die Geschichte der Vorfahren muss aus dem Gefängnis des Verharmlosens, des Vergessens oder der Gleichgültigkeit befreit und zu einem Teil der Gegenwart gemacht werden.

1933 waren die mit einem Mordverdacht belasteten Todesumstände des Otto Fraass sen. belanglos. Seine und seiner Frau Lebensumstände, vor allem ihre Geburtsorte und -daten, ihre Konfession und ihre Abstammung mussten geklärt werden, und zwar schnell und zweifelsfrei. Dennoch zögerten mein Vater und mein Großvater. An wen sollten sie sich wenden? An Behörden in Köln, Ostpreußen oder Mülhausen?

Nicht zu früh die Ämter belästigen, die Behörden nicht vorzeitig aufmerksam machen auf einen Fall, der zum Problemfall werden könnte. Besser also, zuerst alte Erinnerungen auffrischen. Ich denke, mein Vater ging seiner Lieblingsbeschäftigung nach und fragte meinen Großvater über dessen Familie aus. Wochenlang, wann immer sie zusammensaßen, das gleiche Frage- und Antwortspiel. Nur, dass die Perspektiven sich verschoben, die Vorzeichen wechselten, die Stricke um die Existenz des Otto Fraass sen. immer enger gezogen wurden. Denn die Frist, bis zu der mein Vater zwei Fragebögen ausgefüllt einzureichen hatte, musste eingehalten werden. Und weil alle Erörterungen, diese Kaffeeklatschredereien hin und her, nicht mehr als Anekdoten zum Vorschein brachten, die nicht das geringste mit »arischer« Reinheit zu tun hatten, wandte sich mein Großvater an das Bürgermeisteramt in Braunsberg / Ostpreußen. Er bat um die Geburtsurkunde seines Vaters, der aus Szerszantinnen stamme. Noch in der gleichen Woche kam die Antwort: Der angegebene Ort befinde sich im Kreis Labiau; das zuständige Kirchspiel heiße Laukischken. Dessen Ev. Pfarramt teilte nach erneuter Anfrage mit, ein Otto Fraass sei unter dem angegebenen Geburtsdatum (15. 10. 1832) nicht zu finden. Im Übrigen wurde amtlich bescheinigt, dass die hiesigen Kirchenregister im Kriege 1914 verbrannt sind.

Endlich überwand sich mein Großvater und schrieb an seinen jüngsten Bruder Gustave nach Mülhausen. Diesen Brief kenne ich nicht. Ich stelle mir vor: mein Großvater, der schon lange einen anderen Namen trug und in Mülhausen als der galt, der sich als Franke ostentativ von den Fraass abgewandt hatte, hat seine Worte überlegt gewählt, mit einer gewissen Zurückhaltung, aber herzlich geschrieben, denn er wollte und musste ja ein Dokument dafür haben, dass die Fraass‘ nicht »jüdisch versippt« waren. Gustave antwortete: Mit großem Bedauern, doch auch mit gleicher Freude habe er meines Großvaters Brief erhalten. Was die Papiere unserer verstorbenen Eltern angehe, so habe er sie beim Bürgermeisteramt besorgt. Das verlangte Schriftstück, den Stammbaum unserer Voreltern lege ich bei, soweit er in der Controlle hier eingetragen ist. Dann der vielsagende Satz: Dein Sohn hat keine Beschwerden mehr, denn unsere Eltern, wie es bescheinigt, hatten nichts mit den Juden zu tun. … Dein Dich liebender Bruder Gustave.

Aus dem beigelegten Schriftstück, von der Mairie de Mulhouse in französischer Sprache ausgefertigt und im Auftrag meines Vaters ins Deutsche übertragen, geht hervor,

dass die Hochzeit Otto Fraass/Cäcilie Etterlen im Mülhauser Rathaus am 30. Juni 1864 um 2 Uhr nachmittags stattgefunden hat;

dass Otto Fraass, evangelischer Religion, am 15. Oktober 1832 in Cöln in Preussen geboren wurde, wie aus der Geburtsurkunde hervorgeht;

dass dessen Eltern, der Förster Friedrich Wilhelm Fraass, evangelischer Religion, am 29. August 1837, und dessen Ehefrau, die Erdmuthe Eckericht, evangelischer Religion, 1834 gestorben ist, beide in Cöln in Preussen;

dass Cäcilie Etterlen, römisch – katholischer Religion, am 7. Februar 1842 in Bussang in den Vogesen geboren ist, wie aus der Geburtsurkunde hervorgeht.

Für meinen Vater, der seinem Vater vertraut hatte, muss die Familien- und Ahnenwelt zusammengebrochen sein, als er mehrmals die Angabe »Cöln in Preussen« las. Hatte mein Großvater etwa die Unwahrheit gesagt? Oder wusste er es nicht anders? Wie war er auf Szerszantinnen gekommen? Jetzt war es an meinem Vater, über seinen Vater hinauszugehen. Alles, was dieser wusste, musste der Sohn aus ihm herausfragen, auch und gerade das, was mein Großvater bisher verschwiegen oder umgangen hatte. Je mehr mein Großvater dazu geneigt hatte, seine Erzählungen, womit auch immer, undeutlich zu machen, desto entschlossener musste mein Vater darauf hinarbeiten, diese Erzählungen zu revidieren, bis alles, was die Fraass’ betraf, in größtmöglicher Klarheit und Eindeutigkeit zum Vorschein kam. Das Leben und Treiben der Fraass-Familie ─ und besonders das Leben des Vaters meines Großvaters ─ musste aus dem Gefängnis des Verharmlosens, des Vergessens und der Gleichgültigkeit, das ein Gefängnis bewussten Verschweigens gewesen war, befreit werden.

Als Vater und Sohn, die Bemerkung wie aus der Geburtsurkunde hervorgeht noch vor Augen, den Text genauer studierten, werden sie ein zweites Mal erschrocken sein. Jetzt lasen sie, der künftige Ehemann (Otto Fraass sen.) habe,

da er seine Geburtsurkunde nicht beibringen konnte, eine notarielle Urkunde zugefügt.

Betreffs der väterlichen und mütterlichen Vorfahren des Ehemannes erklären die Parteien und Zeugen und versichern unter Eid: dass Sterbeort und letzter Wohnsitz der genannten Vorfahren ihnen unbekannt sind;

dass, obwohl sie den künftigen Ehemann kennen, ihnen ebenfalls Sterbeort und letzter Wohnsitz der Vorfahren nicht bekannt ist.

Szerszantinnen ─ Cöln in Preußen: ─ Meinem Vater bot sich unverhofft die Chance, seines Großvaters Geburtsort selbst bestimmen zu können. Zeit seines Lebens hat sich mein Vater als Mensch des Westens, als Rheinländer verstanden. Zu allem Mittel- und Ostdeutschen hat er stets Abstand gehalten. Wäre mein Vater in eine Stadt zwischen Elbe und Oder versetzt worden, er wäre todunglücklich geworden. Und erst die Reichshauptstadt! Mit dem Berliner Witz und Spott konnte er nichts anfangen. Die Leute von der Spree hielt er für anmaßende Großmäuler. Ihrem sprachlich sich überstürzenden Einfallsreichtum hatte er nicht nur nichts entgegenzusetzen, ihm fehlte auch der Sinn dafür, ihn zu genießen. Allem Westdeutschen dagegen brachte er wärmste Sympathien entgegen, freilich mit Unterschieden. Von Industrieorten wie Essen, Duisburg oder Bochum, in denen er ausgebildet worden war, fühlte er sich abgestoßen. Düsseldorf, Bonn, Köln, den Kur- und Badeorten Breisig, Kreuznach, Neuenahr oder das Moselland und den Hunsrück schätzte er wie nichts sonst auf der Welt. Er brauchte die Nähe zum Rhein, den stimmungsgeladenen Anblick alter Burgen und Ruinen ─ und die Lieder Willi Ostermanns, von dem unsäglichen Willy Schneider gesungen. Dennoch hat sich mein Vater zu Szerszantinnen entschlossen. Er musste es tun, an Ostpreußen führte jetzt kein Weg mehr vorbei. Unmöglich, Cöln in Preußen einzutragen und ein Dokument beizulegen, das in Französisch abgefasst ist! Und die Judenschnüffler waren zufrieden. Mein Vater indessen fühlte sich herabgesetzt. Ihn, den Westmenschen, kränkte es, von einem Ostpreußen abstammen zu sollen. Ostpreußen lag für ihn am Ende der Welt, war das Ende der Welt; ein Ende, an dem alles Familienübel angefangen hatte. Wenn mein Vater von Ostpreußen sprach, ahmte er im gehässigsten Ton, dessen er fähig war, den ostpreußischen Dialekt nach, – und nicht einmal schlecht.

Jahre später fielen mir die Familienpapiere in die Hände. Ich las, erinnerte mich an alte Geschichten und fing mit eigenen Forschungen an. Ich bildete mir ein, mehr Klarheit herbeiführen zu können und hoffte, im Historischen Archiv der Stadt Köln fündig zu werden – vergeblich. Die Kölner Unterlagen waren im Bombenkrieg verbrannt wie die ostpreußischen während der Schlacht an den Masurischen Seen. Dennoch wollte ich die verwischten, undeutlich gemachten Spuren freilegen. So versuchte ich, meinen Vater zu familiengeschichtlichen Aufzeichnungen zu bewegen. Er kennt sich aus, sagte ich mir, nur ihm kann noch gelingen, die Gerüchte, Vermutungen, das Getuschel aus der Familienwelt zu schaffen, unter denen die Fraass-Familie unfassbar geworden ist. Ich stellte mir vor, wie er, kaum dass ich ihn um die Niederschrift gebeten hatte, sich hinsetzten, einen Bogen Papier in die Schreibmaschine einspannen und loshämmern würde, was das Zeug hält. Genauso prompt, wie er anfing von früher zu erzählen, sobald ihn jemand gefragt hatte, wird er jetzt schreiben, dachte ich. Es geht nicht mehr um »Ariertum», es geht um seinen Großvater, dachte ich. Um einen Mann, den er – mein Vater – zwar nie hat sehen können, der aber ihm – meinem Vater – genauso so nah ist wie mir mein Großvater. Vielleicht war der auf den Rangiergleisen in Mühlhausen Verunglückte tatsächlich so fürsorglich und liebevoll, wie immer erzählt worden ist. Die Fraass` und Frankes sind doch dein Thema, sagte ich zu meinem Vater. Vielleicht schreibt er, was er nicht erzählen mag, dachte ich. Er wird es tun, redete ich mir ein. Ich sagte ihm: Tu es! Ich dachte, er wird es tun. Du musst ihm Zeit lassen, sagte ich mir. Ich ließ ihm Zeit. Wenn ich ihn wiedersah, fragte ich: Hast du geschrieben? Hast du angefangen? Ja, antwortete mein Vater. Aus dem lang gezogenen Jaaa hörte ich heraus, dass er nicht geschrieben hatte. Schreib!, sagte ich.

Eines Tages griff mein Vater in die Jackentasche und reichte mir ein Blatt P. Hier, sagte er.

Ich faltete den auf beiden Seiten beschriebenen Din-A-4-Bogen auseinander und las die Überschrift: Familienchronik. Von dreiundsiebzig Maschinenzeilen entfallen fünfundzwanzig auf die Chronik, der Rest ist mit Anekdoten gefüllt. Ich schwieg. Nein, dachte ich, mein Vater wird nie etwas Authentisches über seine Familie aufschreiben. Er redet bei Kaffee und einem Glas Wein über Onkel und Tanten, aber nie wird er die Fraass` und Frankes in Sätzen festmachen, in denen eine Kriminalszene vorkommt.

Im Sommer 1954 nahm ich an einer Studienreise teil. Straßburg, Schlettstadt und Colmar standen auf dem Programm. Bevor ich die Fahrt antrat, hatte ich bei Cecile, einer Kusine meines Vaters in Mülhausen angefragt, ob ich sie besuchen dürfe. Die Antwort war kurz: Sie sind willkommen. Cecile redete mich mit Sie an.

An einem Sommerabend traf ich in Mülhausen ein, auf einem im Krieg zerstörten, inzwischen wieder aufgebauten Bahnhof. Wie er früher ausgesehen haben mag, wo die Rangiergleise verliefen, ─ ich fand keine Anhaltspunkte und verließ den Bahnsteig. Ich lief in die Schalterhalle, blieb stehen, wusste nicht weiter. Langsam ging ich auf eine Pendeltür zu, die zum Vorplatz führt. Ich sah mich um, suchte jemanden, den ich nach dem Weg zur Rue de Roi Trois fragen konnte. Ein älterer Mann hatte mich beobachtet. Er kam auf mich zu. Typ: Penner, Obdachloser. Mir unangenehm. Er sprach mich an. Ich verstand nichts, wollte ihn loswerden, fragte dann doch nach der Rue de Roi Trois, sagte aber: Dreikönigsstraße. Sofort ging der Typ darauf ein. Er sprach deutsch, redete in seinem Dialekt, in dem Tonfall, den ich noch von meinem Großvater im Ohr hatte. Der Typ ließ nicht locker, hing an mir wie eine Klette, die sich festgesetzt hatte, unentwegt auf mich einredend, (wenn sich denn Kletten nicht nur festsetzen, sondern auch sprechen können). An einer Straßenecke machte der Typ halt. Nummer?, fragte er. Meine Antwort: 38. Noch ein paar Schritte, und wir blieben stehen. Ich las die Schilder neben den Klingelknöpfen und schellte. Als im Treppenhaus Licht anging, sah mich der Typ an. Adieu, sagte er, drehte sich um und ging zurück. Ich blickte ihm nach. Bevor er in eine Seitenstraße einbog, sah er zurück und wartete, bis vor mir die Haustür geöffnet wurde.

Cecile, die Kusine meines Vaters, begrüßte mich, bat mich ins Haus und stellte mich denen vor, die auf mich warteten. Das Zimmer, das ich betrat, war groß. Ein Tisch stand da, gedeckt für zehn Personen: für Cecile, die eingeladen hatte; für ihren Vater, den alten Gustave; ihre Mutter, ihre drei Töchter, deren Ehemänner. Und für mich, der jetzt in den Mittelpunkt rückte für die, die mich beobachteten, mich taxierten; die sich langsam vortasteten mit höflichen Fragen, auf die ich höflich antwortete. Bis dem alten Gustave das gestelzte Reden zu bunt wurde. Er stand auf, nahm mich in den Arm, küsste mich auf beide Wangen und sagte Du zu mir und wie froh er sei, wie glücklich, den Enkel seines Bruders sehen, mit ihm essen und trinken zu können.

Der Abend in Mülhausen zog sich lange hin. Ich tauchte ein in neue Vergangenheitstiefen. Wege taten sich vor mir auf, die mein Vater nicht kannte oder von denen er behauptetet hatte, nichts zu wissen. Auf den Seitenpfaden, über die ich jetzt geführt wurde, war von Kraftfahrzeug- und Kohlenhändlern die Rede, von Zugschaffnern, Lokomotivführern und Heizern. Ich hörte von Leuten reden, die ich erst jetzt kennerlernte; von Vor- und Zwischenfällen, die mir neu waren; von Erfahrungen, die nur Menschen von der Grenze machen können. Cecils Schwiegersöhne waren 1939 zur französischen Armee eingezogen worden. Bis zur Kapitulation hatten sie für Frankreich gekämpft. Da sie Elsässer waren, wurden sie 1940 von der deutschen Wehrmacht einer gründlichen Kontrolle unterzogen und für würdig befunden, für Deutschland weiter kämpfen zu dürfen. 1945 wiederholte sich die Kontrolle, diesmal von der französischen Armee. Dass sie nicht ganz so gründlich war wie die erste, deutete einer der Schwiegersöhne an: Er sei bei den Deutschen in ein Truppenteil gezwungen geworden, das … in eine Einheit gesteckt geworden, die …einem Verband zugeteilt worden, der …

Er brach ab und sagte, er sei Besatzungssoldat im Schwarzwald und in Baden-Baden gewesen, mit gewissen Aufgaben betraut. Plötzlich wollte einer von mir wissen, warum ich einen anderen Namen trage als den der Mülhauser Familie. Ob ich dafür eine Erklärung wisse? Wie es dazu gekommen sei?

Der alte Gustave fuhr dazwischen. Energisch erklärte er, das sei eine alte Geschichte, für die ich nicht verantwortlich sei. Und das spiele überhaupt keine Rolle: Und damit basta!

Er hob sein Glas und sah in die Runde. Alle an der Mülhauser Familientafel hoben ihre Gläser. Sie tranken mir zu. Auch ich hatte zum Glas gegriffen und trank denen zu, die mir zutranken.

In der Wohnung des alten Gustave übernachtete ich. Als ich mich nach dem Frühstück am nächsten Morgen verabschiedete, wurde ich lange umarmt und dachte, was ich noch heute denke: Du bist ein Fraass.

Was wir von längst Verstorbenen wissen können, erfahren wir aus dem, was uns erzählt wird. Und aus dem, was wir nachlesen können: in Briefen, Notizen, Personaldokumenten. Aus Bruchstücken setzen wir ein Mosaik zusammen. Vor uns eine weiße Fläche. Je weniger freie Stellen darauf zurückbleiben, je besser die Einzelteile zu- und aneinander passen, desto vollständiger wird das Bild, zumal wenn die Bruchstücke aus Fakten bestehen, die anzuzweifeln absurd wäre. Aber wenn Zweifel überwiegen? Tatsachen fehlen? Uns verweigert werden?

Aus welchem Grund übrigens? Weil sie nicht ins angestrebte Bild einer besseren Familie passen? Aber es kommt der Tag …

Weißt du denn das nicht, fragte Susy, die Frau des jungen Gustave?

Was soll ich wissen?

Ein neues Stichwort fiel: Fremdenlegion. Ein Stichwort, das bedenkliche Mienen hervorrief.

Von der Eliteeinheit Legion etranger, gegründet 1831, ist bekannt, dass, wer in sie eintreten will, nicht jünger als 17 und nicht älter als 40 Jahre sein darf. Mit dem Moment, da seine Ausbildungszeit beginnt, fängt die Anonymität an, danach bleibt sie allemal erhalten. Jeder streift seine Vergangenheit ab. Nationalität und Herkunft spielen keine Rolle. Fürs Strafregister interessiert sich niemand, es sei denn der Geheimdienst. Ein vollkommen neuer Mensch verpflichtet sich zum härtesten, gefährlichsten, effektivsten Militärdienst, den es gibt. Es herrschen Befehl und Gehorsam. Eine Spezialität ist der Nahkampf: das Töten mit Drahtschlinge, Bajonett oder mit bloßen Händen. […]

Susy goss Kaffee ein, schob Tortenstücke auf die Teller, wir aßen und tranken, nebenbei erzählte Susy Otto Fraass sen. habe nach heftigen Auseinandersetzungen mit seinen Eltern schon als junger Mann seine Heimat verlassen, gewisser Gründe wegen; er sei in die Fremdenlegion geflohen, habe den Krimkrieg mitgemacht. Offen blieb, was unter Heimat zu verstehen ist ─ Litauen oder Ostpreußen ─; wie die Auseinandersetzungen mit den Eltern beschaffen waren; was es mit den Gründen auf sich hatte. Gerede also, nicht mehr als Gerüchte. Dann aber:

Deine Urgroßmutter hat nach dem Tod ihres Mannes einen Rechtsanwalt aufgesucht, hat ihn mit Fragen bestürmt. Der Maître sagte zu, auf eigene Faust Zeugen zu ermitteln. Doch jedes Mal, wenn er auftauchte, um die Augenzeugen zu suchen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen, sie zu verhören, waren alle, die Otto Fraass sen. hatten verbluten gesehen, verschwunden: umgezogen, auf Dienstreise, nicht mehr ansässig. Der neue Wohn- oder Dienstort unbekannt. Im Wort bei seiner Mandantin, habe der Maître nicht aufgegeben. Je öfter er die Suche wiederholte, desto klarer sei ihm geworden, dass er niemanden finden werde. Das einzige, das für ihn feststand, war: »Fraass« ist ein Pseudonym. Ein falscher, ein angenommener Name. Die Praxis der Legion etranger bewahrheitet sich auch hier.

Ein leichtes wäre es, mit dem Archiv der Legion in Straßburg Verbindung aufzunehmen, ─ ließe sich denken. Ich habe die Überlegung nicht ernsthaft verfolgt. Denn von allen Archiven, die vorstellbar sind, ist die Vorstellbarkeit, dass sich dieses Archiv für private Bittsteller öffnet, am unwahrscheinlichsten. Ein Urenkel will wissen, wie der ursprüngliche Name seines Vorfahren lautet? Warum er gewaltsam zu Tode gekommen ist? Welches Motiv dahinter steckt? Dieser Urenkel muss sich mit den Fakten begnügen: Otto Fraass sen., geboren am 15. Oktober 1832, gestorben am 28. Dezember 1882. Fest steht auch die Dauer des Krimkriegs: 1853 bis 1856, und dass die Legion der Fremden am Krimkrieg teilnahm. Otto Fraass sen. war bei Kriegsausbruch einundzwanzig Jahre alt, kann also als Legionär auf der Krim gekämpft haben.

Er wusste, die Legion lässt ihn nicht im Stich, ─ nie. Keiner wird sich Gedanken über seinen Namen machen, ─ es sei denn sein Enkel, mein Vater, der seinen Personalbogen auf Grund des Gesetzes vom 7. April 1933 auszufüllen hatte; ─ oder ich, der ich mich in die Entstehung des Namens Franke verbissen hatte. Mein Urgroßvater wusste: Wenn der Krieg zu Ende ist, wird er französischer Staatsbürger werden und in einem Ort in Frankreich leben können, wo Deutsch gesprochen wird: im Elsass.

Die Legion half ihm bei der Suche nach Arbeit, verschaffte ihm eine Stelle bei der Eisenbahn. Was danach geschah, auf den Rangiergleisen in Mülhausen, als am 28. Dezember 1882 die Bremsen eines Waggons in dem Moment gelöst wurden, als der (angeblich) jähzornige Bahnbeamte auf den Gleisen stand und nicht mehr entkommen konnte, ging die Legion nichts mehr an. Oder wollte nichts mehr davon wissen?

Vor mir liegt ein Porträtfoto, hergestellt von der Firma H. Hack, Mülhausen i/Els., Illzacher Str. 2, Apotheke Neukirch. Mein Urgroßvater sieht in die Kamera. Durch sie hindurch blickt er mich an. Er trägt einen Vollbart, das lange Haar ist links gescheitelt, er ist gut gekleidet. Sein rechtes Auge ist größer als das linke, der Blick dadurch leicht entstellt, der einen besänftigenden, jedenfalls keinen herrischen Eindruck vermittelt. Das Foto ist verschwommen. Die Umrisse des Kopfes sind klar und deutlich, aber eine Spur zu hart. Sie widersprechen denen der Schultern, der Oberarme und den Linien der Jackenrevers. Nach unten hin verschwimmt der Körper.

Ja, sagt der junge Gustave. Er meint, wahrscheinlich sei diese Fotografie eine Kopie, heraus vergrößert aus einer Gruppenaufnahme. Mit wem Otto Fraass sen. fotografiert worden ist ─ mit Verwandten, Freunden, Kollegen, Veteranen aus der Legion ─ bleibt ungewiss. Mein Urgroßvater der Bestandteil einer Ansammlung unterschlagener Personen?

Mit dem jungen Gustave fahre ich in dessen Pkw durch Mülhausen. Wir halten in der Amselstraße, steigen aus, gehen zu einem niedrigen Haus: eingeschlagene Fenster, verrammelte Türen. Das Gebäude ist zum Abbruch freigegeben. In dem Haus habe meine Urgroßmutter nach dem Tod ihres Mannes gelebt, sagt Gustave. Sie habe weder Witwen- noch Waisenrente bekommen, habe hart arbeiten müssen für sich und sechs Kinder, als Wäscherin. Von dem Maître habe sie nie mehr etwas gehört.

(Dieser gekürzte Text ist ausschließlich für diese Internetwidergabe bestimmt. ©2011 by Manfred Franke)