Kapitel 6

1939 verlebten wir die Sommerferien wieder am Wasser, diesmal am Wörther See, erzählt Ilse. In einer Pension gleich am Ufer bezogen wir Quartier.

Jahrzehnte danach umfuhren wir den See. Wo immer wir haltmachten: Pensionen, Hotels, Gasthäuser, Cafés – und Wellen, nichts als heranplätscherndes und wieder zurückweichendes Wasser, geschwätziges H2O. Alles, was sich hier irgendwo 1939 abgespielt hatte, spurlos verschwunden. Bis Ilse die Badekappe einfiel. Die dunkelblaue Badekappe. Mein Vater trug sie. Ilse erinnert sich: Er hat mich immer weiter vom Ufer weg gelotst. Ich hab Blickkontakt gehalten, nach ihm gerufen und gehört: Weiter, immer weiter. Los, komm! Keine Angst, ich bin bei dir. Plötzlich konnte ich die dunkelblaue Badekappe nicht mehr sehen. Ich hab geschrien, Wasser geschluckt, gehustet, bis eine Hand mich plötzlich hart anpackte und hochzog: Ruhig, ganz ruhig! Tief durchatmen! Jetzt kannst du schwimmen, garantiert!

Dass Ilse im Sommer 1939 schwimmen lernte, ihr Vater mit ihr hinausgeschwommen ist, weit weg vom Ufer, steht fest. Auch anderes ist gegenwärtig geblieben, zweifelsfrei, eine Lautsprecherstimme: Seit fünf Uhr fünfundvierzig wird jetzt zurückgeschossen. Wir beide kennen diesen Satz, werden ihn nie vergessen. Auch den nicht, dessen Stimme wir unter tausend anderen Stimmen identifizieren können (mit dem rollenden R, das uns aus dem Lautsprecher entgegenpolterte). Ilse erinnert sich genau an das rollende R. Noch in der gleichen Nacht, sagt sie, knatterte ein Motorrad vors Haus. Jemand klingelte wie verrückt und brüllte, ob hier ein Stabsarzt übernachte. Der streifte den Bademantel über, ging zur Haustür, nahm eine Zustellungsurkunde entgegen: den Gestellungsbefehl. Umgehend hatte sich mein Vater bei seinem Truppenteil zu melden. Noch in der Nacht machte er sich im Auto auf den Weg nach Frankfurt. Meine Mutter fuhr mit meinem Bruder und mir im Zug über München zu ihren Eltern nach Salzburg.

Anschließend Reise der Mutter nach Saarbrücken. Für Ilse und Helmut packte sie Kleidung zusammen und kam zurück. Ilse standen unvergessliche Kindheitstage im Rupertihof bevor, in einem Haus am Stadtrand von Salzburg.

Rupertihof in Salzburg; Postkarte, Familienarchiv

Die Großeltern Köppl wohnten im ersten Stock. Für sie der Alterssitz, für Ilse und Helmut vorübergehende Zufluchtsstätte, bis der Drole de guerre langsam aus seiner Verschlafenheit aufwachte. Aber das dauerte noch. Oft ging Ilse mit ihrem Großvater durch den Park, der gleich hinter dem Rupertihof anfing und sich unendlich weit hinzog, bis die beiden vor dem Schloss Hellbrunn standen und die Wasserspiele bestaunten.

Dann und wann rief Carl Köppl nach Fräulein Wessely und ließ sich mit der Enkelin in seinem Wagen in die Stadt chauffieren. Der Fabrikdirektor im Ruhestand hielt es für unter seiner Würde, selbst zu fahren. Zwei-, dreimal in der Woche stand auf dem Morgenprogramm Bartschneiden. Solange der Friseur mit Schere, Kamm und Pinsel zugange war, langweiligte ich mich zu Tode, sagt Ilse. Danach in die Festspielstadt durch verwinkelte Gassen, bis wir vor unserem Ziel standen: dem Café Tomaselli. Der Großvater bestellte für sich einen Doppelten, für mich balancierte die Kellnerin auf einem Tablett Mozartkugeln an den Tisch. Durch den Rauch seiner Zigarre sah mir der Opa amüsiert beim Kauen zu, bis sich Fräulein Wessely an der Eingangstür bemerkbar machte und wir aufbrachen. Den Kofferraum mit Gemüse, Obst, Fleisch, frischem Salat samt dem Rohstoff für Mehlspeisen gefüllt und im Fond ein Großvater mit seiner Enkelin, so ging es zurück zum Rupertihof.

Großvater Carl Köppl in Salzburg, Familienarchiv

In Saarbrücken waren Mozartkugeln verpönt, sagt Ilse, trotz des Faibles meiner Mutter für alles Österreichische. Denn was bewirkt der Genuss dieses süßen Gemischs aus Nougat, Marzipan und allerlei anderen unkontrollierbaren Zutaten? Unaufhaltsame Gewichtszunahme, die ihrerseits zu Schläfrigkeit und Faulheit führt, zur Dekadenz kultureller Faultiere. Dick aber durften deutsche Mädels unter keinen Umständen werden. Sie mussten anmutig sein, im Takt zu passender Begleitmusik (nicht von Mozart) Reifen schwingen, rhythmisch die Arme seitwärts, vorwärts und rückwärts bewegen. Und das in knapper, aber anständiger weißer Turnkleidung: Glaube und Schönheit hieß diese BDM-Unterabteilung.

Ilse konnte sich nicht daran erinnern, ob sie je gefragt wurde, dem Bund Deutscher Mädel beizutreten. Darüber wurde nicht debattiert. Es hätte ja sein können, dass in einem Anfall spätbürgerlicher Unüberlegtheit ein Halbsatz gemurmelt worden wäre, der den Eltern hätte vorgehalten werden können.

Ilse ca. 1942, Familienarchiv

Es genügte schon, dass die Frau Doktor nie mit Heil Hitler grüßte. Grüß Gott tat auch seinen Zweck. Zweifelhaftes gab es in der Familie Pistorius kaum, oder wenn es so etwas gab, blieb es unausgesprochen. Leicht konnten auch so etwas durch die Mitgliedschaften des Vaters ad absurdum geführt werden. Das Zeitalter für Leumundszeugnisse würde erst anbrechen. Einstweilen genügte, nicht nur nichts dagegen zu haben, sondern es gut zu heißen, die Tochter als leuchtendes Beispiel vorangehen zu lassen. Anstatt sie zu den Schulaufgaben anzuhalten, wurde sie ins Postamt geschickt. Da gab es Personalmangel. Dringend benötigt wurden Paket- und Briefsortierer. Ilse half stundenlang, vor einem breiten Tisch sich die Beine in den Leib stehend, Briefe und Pakete zu sortieren. Eine nützliche Aufgabe nicht nur für die Allgemeinheit, die so genannte Volksgemeinschaft. Auch deutsche Geographie ließ sich dabei spielend lernen.

Aber es gab noch andere Aufgaben. Was klar und deutlich ausgesprochen werden musste, weil niemand mehr darum herumkam, das wurde klar und deutlich ausgesprochen, zumal von einem Arzt: Kriege fordern Opfer. Nicht nur Tote. Auch Lebendige können Opfer sein mit amputierten Beinen und Armen, durchschossenen Händen und Schultern, ramponierten, bis zur Unkenntlichkeit umwickelten Köpfen. Wo immer Hilfe geleistet werden musste, war der Dr. Pistorius zur Stelle und mit ihm die Tochter. Sobald die Adventszeit mit Kerzengeflacker anbrach, schickte der Vater Ilse ins nächste Lazarett. Mit anderen Jungmädeln trug sie Päckchen, Adventssträuße, das ganze vorweihnachtliche Brimborium an die Betten, in denen die Helden der Nation auf die nächste Operation warteten. Schüchtern schoben die Jungmädel ihre Mitbringsel über die Bettdecke den Patienten zu. Die lächelten, sagt Ilse, lächelten so, als ob sie sagen wollten, Kinder, ihr habt ja noch von nichts eine Ahnung. Aber schön ist’s doch, dass ihr da seid. Und jetzt ab nach Hause!

Aber noch sitzt sie zwei-, dreimal in der Woche im Café Tomaselli vor ihren Mozartkugeln. Noch besteht keine Sorge, die Enkelin könne zunehmen. Noch ist Saarbrücken eine Stadt, in der so gut wie nichts passiert. Der Drole de guerre dümpelt immer noch vor sich hin. So kehren die Saarländer dahin zurück, wohin sie gehören: hemm.

Im Frühjahr 1944 nahmen die Luftangriffe auf Saarbrücken derart zu, dass die Bevölkerung oft für längere Zeit in Stollen und Kellern Schutz suchen musste. Am 14. Oktober mittags Fliegeralarm. Paul Hermann Pistorius, beim DRK als Oberfeldarzt dienstverpflichtet, verlässt seine Praxis, eilt in die Stadt. Er gerät in nächste Nähe einer detonierenden Sprengbombe.

Paul Hermann Pistorius unterzog sich einer mehrwöchigen Krankenhausbehandlung im Stollen des Bürgerhospitals. Nach kurzem Erholungsurlaub Zuspitzung der militärischen Lage.

Die Pistoriusverwandten zögerten nicht lange, schrieben sich Eilbriefe oder Postkarten. Wer einen Fernsprechanschluss besaß, telefonierte. Möglichkeiten wurden erörtert und verworfen, neue erwogen. Auch das lang ersehnte Wunder kam zur Sprache. In Saarbrücken nämlich schien das in Erfüllung zu gehen. Ein Röhren und Pfeifen zischte eines Tages heran, ein noch nie wahrgenommenes Geräusch. In Sekundenschnelle kam es näher. Eine gewaltige Explosion folgt: Fenster bersten, Türen springen aus Schlössern und Angeln, Erdfontänen wirbeln auf. Vau zwei!, rief jemand, das lang ersehnte Zauberkürzel. Was der Führer von seinem Propagandaminister hatte versprechen lassen, jetzt wurde es eingelöst, – wenn auch fehlgeleitet auf einen saarländischen oder lothringischen Acker.

Aller Anfang ist schwer, beschwichtigten die Unentwegten. Der nächste Bombenhagel machte dann alle Hoffnungen zunichte. Der Befehl zur Räumung wurde ausgegeben. Für Saarbrücken galt jetzt der Status Rote Zone. Es gab kein Pardon. Aus allen Himmelsrichtungen brachen die Verwandten auf. Vor Nazifunktionären, Luftangriffen und heranrückenden Amis Schutz suchend, machten sich Alte und Junge zum ultimativen Ziel- und Rettungspunkt auf den Weg.

Wir sind mit vollen Koffern und Rucksäcken aufgebrochen, sagt Ilse, per Bahn losgefahren. Mir wurde das Grüne Buch aufgepackt. Dass du das nie verlierst, dekretierte mein Vater. Unser Ziel: der Goldene Stern in Franzensbad. Er strahlte heller denn je. Niemand ahnte, wie bald schon aus Franzensbad Frantiskovy Lázne werden würde. Am allerwenigsten die betagten Schwestern meines Großvaters.

Pension „Goldener Stern“, Familienarchiv

Seit Jahr und Tag führten Clara und Maria Köppl die Familienpension. Längst hatten die letzten Kurgäste das Haus für immer verlassen. Die böhmischen Tanten brauchten nicht mehr Zimmer, Treppen, Flure zu putzen und die Etagentoiletten zu reinigen. Aber es musste gekocht werden. Keine böhmischen Semmelknödel mit Gulasch, nur Not-Menus kamen auf den Tisch. Zu hungern brauchten wir nicht, sagt Ilse, das muss ich den alten Jungfern zugutehalten. Von mir verlangten sie das Toilettenputzen. Meine Antwort:

Nur, wenn ich drauf gewesen bin.

Sie: Nicht so keck, junge Dame! Benimm dich gefälligst!

Ständig fanden die Tanten an dem Flüchtlingskind von der Saar etwas auszusetzen. Nur Helmut ließen sie in Ruhe.

Auch meine Großmutter Pistorius reiste allein aus Brieg mit Rucksack und Koffer an. Jahrzehnte später, als wir auf einer Studienreise mit einem Taxi von Breslau aus in Brieg Station machten, musste sich Ilse damit begnügen, an einer Straßenecke abgelichtet zu werden, an der früher das Schild Pistoriusstraße angebracht gewesen war. Ein Laternenpfahl vertrat jetzt den Namen des Großvaters.  (…)

Ilse in Brieg, vor der ehemaligen Pistoriusstraße, Familienarchiv

Danach zum Bahnhof. Schalterhalle, Treppe abwärts, Treppe aufwärts zu den Bahnsteigen. Standen wir unter einer Überdachung? Oder im Freien? Gleise waren da. Doch Anzeigetafeln mit Fahrplan, Ankunfts- und Abfahrtszeiten? Vielleicht wurde gerade ein Zug ausgerufen, kam näher, Bremsgeräusche, Türen wurden geöffnet und zugeschlagen. Bahnhofsroutine. Ich weiß darüber nichts Verlässliches mehr, erinnere mich aber: Sehr langsam ging Ilse über den Bahnsteig, immer weiter entfernte sie sich von mir, eine Frau, die kleiner und kleiner wurde, zuletzt eine winzige Gestalt, ein Punkt nur, der am Bahnsteigende Halt machte, eine namenlose Person, die ins Leere blickte, über Weichen, Signalmaste, Gleise hinweg, die irgendwo hinführen. Nach Breslau wahrscheinlich zum Umsteigen und dann immer weiter geradeaus, bis über Eger nach Franzensbad.

Im Brieger Rathaus, mit dem Taxichauffeur als Dolmetscher, besichtigten wir den geräumigen Ratssaal, einen lang gestreckten, hellen Raum. Auch in die Büros wurden wir vorgelassen. Frauen und Männer, über Tastaturen gebeugt und auf Bildschirme starrend, hörten kaum hin, was der Taxifahrer ihnen über uns zu erklären versuchte. Ein ehemaliger Baurat und Bürgermeister? Hier aus Brieg? Noch dazu in deutscher Zeit? Niemand kannte seinen Namen mehr. Und das sind die Bürgermeisterenkelin und ihr Mann? Ein kurzer Aufblick vom Bildschirm, Kopfnicken, Lächeln. Good by. Englisch konnten sie. Deutsch wollten sie noch nicht reden.

Vor dem Rathaus Tische und Stühle: ein Café. Wir setzten uns, bestellten Getränke. Ilse sagte wenig. Und wenn sie redete, erklärte sie dem Taxifahrer, warum sie unbedingt nach Bieg habe gefahren werden wollen. Erzählt von ihrer Großmutter, der alten Frau, die 1944 allein von hier aus ihre vorletzte Reise angetreten hatte. Der Taxifahrer nickte. Das könne er gut nachempfinden, sagt er. Mit seinen Eltern sei er zwangsweise umgesiedelt worden: Von Galizien, aus der Nähe von Lemberg, sind wir nach Breslau verfrachtet worden. Sowjetische Umsiedlungspraxis. (…)

Zweimal haben wir Franzensbad besucht, einmal vor, einmal nach der Wende. Beim ersten Mal waren Reisepass mit eingestempeltem Visum vorzuweisen und lange Wartezeiten in brütender Sommerhitze in Kauf zu nehmen. Aber Ilse wollte das Haus wiedersehen, in dem sie mit der Familie Monate zugebracht und den Tag herbeigesehnt hatte, nach Saarbrücken zurückzukehren. Eine Illusion, wie so vieles andere, was man sich nach dem 8. Mai 1945 vorstellte. Vor dem Goldenen Stern stehend, haben wir Abstand zu dem unzerstörten Haus gehalten. In ihm residierte eine Dienststelle der tschechischen KP. Besser also, unauffällig bleiben. Danach zur Straßenecke, wo Ilses Vater – angeblich oder tatsächlich – seinen Siegelring vergraben hatte. Erst nach einer langen Pause gingen wir in den Kurpark über Wege, die der in Ungnade gefallene deutsche Staatsangehörige Pistorius 1945 mit einem Laubbesen hatte fegen müssen. Eine bewusst herbeigeführte Schikane, freilich, aber eine, die gesund war für jemanden, der im Jahr zuvor einen schweren Herzwandinfarkt an einer Kellerwand erlitten hatte.

Bei der zweiten Reise in die Tschechoslowakei übernachteten wir in Waldsassen. Von da aus fuhren wir über die Grenze. Ein Schlagbaum ragte senkrecht in die Luft. Zwei uniformierte Grenzer lümmelten sich auf (noch) volkseigenen Klappstühlen herum. Sie streckten die Beine von sich, qualmten, eine Zigarette im Mundwinkel und das Auge darüber halb geschlossen, vor sich hin. Als die beiden uns sahen, rappelten sie sich auf, nahmen Haltung an, traten an unseren Wagen und fragten, ob wir was zu verzollen hätten. Nichts? Gar nichts? Ein Grenzer schüttelte den Kopf. Lässig hob er die Hand und winkte uns durch.

Jetzt begnügten wir uns nicht damit, vor dem Goldenen Stern auf Distanz zu bleiben. Nach einem langen Weg vom Parkplatz zum Kurpark blieben wir vor dem Haus stehen und sahen: ein Café hatte den Betrieb aufgenommen. Sofort ging Ilse zur Tür, zog sie auf und winkte mich heran. Wir gingen in die Cafèhausstube. Ein paar alte Männer saßen herum. Die einen hatten Bier vor sich stehen, andere Kaffee. Stickige Luft schlug uns entgegen. Die Männer sahen uns an, nickten vor sich hin. Einer von ihnen sagte in recht gutem Deutsch, heute werde ein Zug ankommen, drüben in Eger, er habe davon gehört und warte hier. Niemand beachtete ihn. Wir setzten uns an einen Tisch, der Wirt kam, begrüßte uns auf Tschechisch und merkte sofort: Ausländer saßen vor ihm. Ehe wir eine Bestellung aufgeben konnten, redete er Deutsch mit uns. Gebrochen zwar, aber wir verstanden ihn. Und er, nachdem er unsere Bestellung entgegen genommen hatte, verschwand und goss Kaffee auf. Eine dunkele Brühe, in der Kaffeemehl herumschwamm. Auch Milch machte die Sache nicht besser.

Aufmerksam sah sich Ilse in dem Raum um. Blickte nach rechts, nach links. Unübersehbar für jeden, dass die Frau, die eben hereingekommen war und in kleinen Schlucken Kaffee trank, sich hier auskannte. Schließlich stand sie auf und ging, ohne die geringste Unsicherheit zu zeigen, auf die Tür zu, die zum Nebenraum führt; legte die Hand auf die Klinke, – die Tür schwenkte auf, Ilse winkte mich zu sich : Das Fenster, flüsterte sie.

Welches Fenster?

Sieh doch hin. An dem Hab ich damals gestanden und die Schritte gehört.

Welche Schritte?

Schritte, die ich nie vergessen werde.

Hier, wo wir jetzt stehen, wohnten wir damals, sagt Ilse und verbessert sich: Waren wir untergebracht. Hier, im Parterre. Die engmaschigen Gardinen waren zugezogen. Ich stand vor einer Gardine, sagt Ilse, von innen, im Zimmer. Konnte durch die Maschen hindurch sehen. Und sah …, nein, zuerst hörte ich was. Deshalb bin ich ja zur Gardine gegangen. Hörte Geräusche von Menschen, die über die Straße gingen. Dicht am Haus vorbei. Wenn ich was sehen wollte … Und ich wollte was sehen. Die Geräusche hatten mich neugierig gemacht. Keine gleichmäßigen Schritte. Die da gingen, schlurften über den Gehsteig, konnten ihre Füße kaum noch heben. Und dann hörte ich nicht nur dieses Schlurfen. Auch Stimmen hörte ich. Stimmen von Männern, die herumschrien. Raue, heisere, sich überschlagende Kommandostimmen. Die Vorbeischlurfenden konnten mit dem Tempo, das die Stimmen forderten, nicht mithalten. Ein paar Leute sah ich taumeln und hinfallen. Auf dem Bürgersteig vor meinem Fenster lag ein Mann. Was er anhatte, der da hingefallen war, hab ich im ersten Moment nicht erkennen können. Plötzlich stand meine Mutter hinter mir, zog mich energisch vom Fenster weg. Ich aber wollte sehen, was da los war, mir alles genau ansehen. Komm weg da!, flüsterte meine Mutter. Das ist nichts für dich! Sie hat das sehr bestimmt, energisch gesagt. Ich trat zurück ins Zimmer, von der Gardine weg, die meine Mutter schnell zuzog. Schluss jetzt!, sagt sie, geh schlafen. Ich wartete, hörte zur Straße hin. Meine Mutter verschwand im Nebenzimmer. Zog die Tür hinter sich zu. Ich tat so, als käme auch ich in das Zimmer. Aber vor der Tür blieb ich stehen, drehte ich mich um, schlich zurück zur Gardine. Horchte hinaus. Immer noch das Geschrei, Befehle oder was auch immer. Und dann schob ich vorsichtig die Gardine zur Seite, nur einen Spalt weit. Jetzt konnte ich sehen. Und sah, dass jemand hingefallen war. Der hatte gestreifte Kleidung an und wurde von anderen, die ihn anschrien und dunkle Uniformen trugen, getreten, bis jemand den, der am Boden lag, hochriss. Taumelnd verschwand er in der Franzensbader Nacht. Am anderen Morgen – nichts mehr, niemand, Stille. Keine Spur von den nächtlichen Gestalten. Was da draußen passiert war, begriff ich damals nicht. Und meine Eltern schwiegen. Erst Jahre danach kam uns Eugen Kogon zu Hilfe:  „In endlosen Reihen wälzten sich die Elendszüge über das Land – Tag um Tag, ohne Nahrung, ohne zureichende Kleidung. Wer nicht mehr weiter konnte, wurde von der SS niedergeknallt und am Wege liegengelassen.“

Als wir wieder in der Wirtsstube vor unserer Kaffeebrühe saßen, kam der Wirt zu uns. Verlegen stand er da, wusste nicht recht, wie er anfangen, was er sagen sollte. Sagt so dies und das. Bis er sich dazu aufraffte, halb Tschechisch, halb Deutsch zu sagen: „Sie kennen sich hier aus. Ich meine im Haus.“

„Ja“, antwortete Ilse, „in diesem Haus kenne ich mich aus, sehr gut sogar. Bis in den letzten Winkel, sozusagen.“

„Wieso?“

„Wer hier das Kriegsende mitgemacht hat, weiß Bescheid.“ Und obwohl der Wirt nicht danach gefragt hatte, erklärte ihm Ilse ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zum Goldenen Stern.

Unvermittelt die Frage: „Wollen Sie das Haus wiederhaben?“

Genauso unvermittelt Ilses Antwort: „Unter keinen Umständen. Erstens bin ich nicht die Alleinerbin. Und zweitens ist die Zeit über uns alle hinweggegangen. Was gewesen ist, ist gewesen. Niemand stellt die Uhren zurück. Da kann ich Sie beruhigen. Aber …“

„Aber was?“

„Darf ich mir noch die erste Etage ansehen?“

„Ja. Ich führe Sie.“

Wir gingen die Treppe hinauf, deren Stufen bei jedem Schritt ächzten, in einen langen Flur hinein. An der einen Seite tapentenlose Wände. Gegenüber Zimmertüren.

„Das war damals ganz anders“, sagt Ilse.

„Ja. Die Zimmer der Fremdenpension sind geteilt worden. Jetzt haben wir nur kleine Räume. Da wohnen Angestellte der Bädereinrichtungen. Das ganze Haus ist vermietet. Frantiskovy Lázne kommt wieder ins Geschäft. Sie werden sehen.“

Und der Wirt tat ein übriges, er führte uns in den Keller: defekte, tropfende Abwasserleitungen, an den Wänden und an der Kellerdecke Wasserschlieren und abbröckelnder Putz.

Abgesehen davon, dass Ilse nie die Absicht hatte, Teilhaberin einer Fremdenpension zu sein, sie hat sich auch dagegen gewandt, nach dem Tod ihrer Mutter Ansprüche geltend zu machen oder sich als Vertriebene aufzuspielen. „Das war ich nicht, das bin ich nicht – ob Frantiskovy Lázne oder Franzensbad, die Stadt war und bleibt für mich ein Rettungspunkt in rettungsbedürftiger Zeit. Nicht mehr, aber nicht auch weniger. Ich spiele nicht mit gezinkten Karten. […]“