Kapitel 5

Foto: Familienarchiv

Paul Hermann Pistorius war ein den technischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts zugewandter Mann. Dazu gehörte nicht nur, dass er sich, schon um seine Patienten zu jeder Tages- und Nachtzeit besuchen zu können, einen Kraftwagen anschaffte und an der letzten Flugreise Saarbrücken – Frankfurt mit seiner Frau teilnahm. Er leistete sich auch eine Filmkamera, um zu drehen, wer oder was ihm vor die Linse kam.

Aufschrift auf der Rückseite: „Letzter Flug Saarbrücken – Frankfurt“. 5. Person von links: Liesl Pistorius; daneben rechts mit Hut: P.H.Pistorius

Noch in fernsten Zeiten sollten Interessierte daran teilnehmen können, wie Leute, die später niemand mehr kannte, über eine Wiese stolzieren. Oder eine Situation ist festgehalten, in der eine zufällig zusammengewürfelte Familienreisegesellschaft auf Baumstümpfen vor einem Pkw hockt, sich die Wanderschuhe aus- und Halbschuhe anzieht.

Der Familienkameramann hätte wohl selbst kaum erklären können, warum er mit solchen Szenen der Nachwelt die Freizeit verkürzen wollte. Im Licht des Filmprojektors betrachtet, war das nicht mehr als die Liebhaberei eines Mannes, der sich solche Drehs leisten konnte. Jedoch: Wie steht es mit dem Filmstreifen, an dessen Anfang die kleine Tochter ihren ersten Soloauftritt hat? War sich der Vater als Hobbyfilmkünstler darüber im Klaren, dass es dabei nicht nur um eine Erinnerungssequenz, eine Spielerei ging?

Liesl und P. H. Pistorius; er mit der Filmkamera, Familienarchiv

Dass das erste filmisch überlieferte Solo der Tochter auch mit einer bestimmten Absicht gedeutet werden kann, ohne dass es eines Kommentars bedurfte?

Der Vater hat die Tochter zu sich gerufen, ist mit ihr auf die Straße gegangen. Vielleicht auf den Bürgersteig vor dem Haus, in dem er mit seiner Familie wohnt, seine Praxis betreibt: Dr. med. P. H. Pistorius, prakt. Arzt und Geburtshelfer, so ist es eingraviert auf der Metallplatte, die an der Hauswand des Gebäudes Saargemünderstraße 121 in Saarbrücken─St. Arnual angebracht war. Paul Hermann Pistorius wird eine Filmrolle in das Laufwerk seiner Kamera eingelegt, sie mit einem deutlich hörbaren Klack geschlossen, aufgezogen, Belichtungszeit, Entfernung usw. eingestellt, dann das Kommando gegeben haben: Beweg dich, fang an! Kamera läuft.

Die Tochter kommt näher, entfernt sich, läuft am Vater vorbei, dreht sich um, kommt tanzend zurück, lacht, ist ausgelassen. Sie bewegt die Lippen, ruft oder schreit irgendetwas, singt vielleicht ein Lied, das unhörbar bleibt. Stummfilm, Heimkino. Es braucht weder Wort noch Melodie. Gefilmt werden ist Freude an sich. Und das Mädchen schwenkt mit erhobenem Arm eine kleine Papierfahne hin und her, die ihr der Vater vorher in die Hand gedrückt hatte: die rote Fahne mit dem weißen Kreis in der Mitte und dem schwarzen Hakenkreuz.

Ilse mit Hakenkreuzfahne, neben ihr Mia. Heimkinoaufnahme

1920 war der Versailler Vertrag in Kraft getreten. Das Saarland wurde vom Deutschen Reich abgetrennt und als Mandatsgebiet des Völkerbunds (Territorire du Bassin de la Sarre, Saarbeckengebiet) von Frankreich verwaltet. Jahre später, als der Vater seine Tochter vor seiner Kamera tanzen, vielleicht auch singen ließ, fand die vertraglich vereinbarte Abstimmung statt: Die saarländische Bevölkerung konnte zwischen drei Alternativen wählen: Beibehaltung der 1935 wirksamen Rechtsordnung (Status quo), Vereinigung mit Frankreich, Vereinigung mit Deutschland. Da konnte Ernst Busch noch so oft Brechts Saarlied singen … „Haltet die Saar, Genossen / Genossen, haltet die Saar / Dann werden das Blatt wir wenden / Ab 13. Januar.“ An diesem 13. Januar sangen die Saarländer, wenn sie denn überhaupt gesungen haben, das von Hanns Maria Lux umgedichtete Bergmannslied mit dem zeitgemäßen Text: „Deutsch ist die Saar / Deutsch immerdar…“ Zu 90,5% wollten die Saarländer nix wie hemm. Und es wehten rote Fahnen mit dem weißen Kreis in der Mitte und dem schwarzen Hakenkreuz.

Abstimmungsbogen für das Saarland 1935, Familienarchiv

Das Papierfähnchen schwenkende kleine Mädchen konnte sich Jahrzehnte später nicht mehr an ihren Soloauftritt auf der Saargemünderstraße in St. Arnual entsinnen. Ilse wusste aber, ihr Vater sei ein entschieden national denkender Deutscher gewesen. Ein Mann, der 1935 mit seinem Pkw alte, gebrechliche Patienten zum Abstimmungslokal fuhr.

Staub mussten wir wegwischen, den fettigen Saarbrücker Kohlendreck, der sich jahrzehntelang auf all den Familien- und Behördenhinterlassenschaften abgelagert hatte, ehe uns auch die Schmalfilmbüchsen aus Leichtmetall entgegenfielen und eine Leinwandrolle gleich hinterher. Schweißtreibende Anstrengungen wurden uns abverlangt, bis die Leinwand endlich, an einer Zimmertür baumelnd, hängen blieb. Damit nicht genug. Auch der Filmgeber musste ausfindig gemacht werden, ein Kabel dazu. Bis alles startklar war.

Erste Bildsequenz:

Das kleine Mädchen (unverkennbar ist die Identität mit der Fahnenschwingerin) steht im Garten hinter dem Elternhaus, hält einen Gummischlauch in der Hand. Der Schlauch ist an die Wasserleitung angeschlossen. Wasser spritzt in hohem Bogen in die Luft, zischt zur Erde, ins Gesicht eines Jungen, ins eigene Gesicht. Das Mädchen trinkt, spuckt das Wasser aus, schüttelt sich, schneidet Fratzen.

/Schnitt/

Wechsel des Kameramanns (ersetzt durch Mutter Liesl).

Aus dem Haus tritt durch den Waschkücheneingang eine männliche Gestalt, hoch gewachsen („elegante Erscheinung“, wie es in einer militärischen Beurteilung heißt). Der Mann trägt seine Berufskleidung, einen weißen Kittel. Der Vater also, dessen Praxisräume im Erdgeschoß liegen. Wahrscheinlich, dass er die Wasserspielerei und das damit verbundene laute Geschrei leid ist. Er gestikuliert herum, ruft oder schreit vielleicht noch etwas, im Kommandoton. Verbittet sich die Ruferei, wirft die Tür, durch die er eben herausgekommen ist, wieder hinter sich zu.

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Auf weiteren Bildeinstellungen eine Küstenlandschaft. Ostsee, Greifswalder Bodden: Sand, Wellen, Gestalten in Badeanzügen. Ständiges Rennen hin und her. Das Mädchen läuft ins Bild. Jemand drückt ihm eine Schaufel in die Hand. Das Sandburgenbauen fängt an, wird plötzlich unterbrochen.

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Das Mädchen ziert sich. Eine deutlich abwehrende Handbewegung: Das Mädchen will nicht mit ins Meer, unter keinen Umständen. Angst.

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Das Mädchen blickt in die Kamera. Streckt die Zunge heraus. Flimmern auf der Projektionsfläche. Abbruch des Urlaubstreifens an der Ostsee, das weiß Ilse Jahrzehnte später noch.