Kapitel 3 (Ausschnitt)

Anfang Januar nach Saarbrücken zurückgekehrt, schmeckte uns der Kaffee noch genauso wie Ende Dezember. Durch den polizeilich angeordneten Obduktionsbericht entfiel jeder Verdacht. Aber die Bratwurstgeschichte brutzelte noch kräftig vor sich hin.

Sieh dir das mal an!

Ilse stand vor dem Büffet, beugte sich zu Boden. Sie griff nach einem braunen Holzknauf an der unteren Büffetschublade.Und?

Gebiss ─ Spuren. Von meinem Rauhaardackel, das weiß ich genau.

Von diesem eigensinnigen Tier, das nur Ilse bändigen konnte. Nach der Geburt ihres Bruders wurde das Tier eifersüchtig, ruppig, aggressiv. Gemeingefährlich, bildeten sich meine Eltern ein. Der Hund wurde zum Köter herabgestuft, musste fort, möglichst weit weg. Wurde zu Bekannten in ein Dorf gebracht. Die Leute waren lieb zu ihm, aber der Dackel riss aus. Tagelang muss er unterwegs gewesen sein. Denn morgens um fünf, als noch niemand aufgestanden war, jaulte und bellte ein Hund vor unserer Haustür, erzählt Ilse. Im Schlafanzug bin ich hinunter gelaufen und hab den Dackel in mein Zimmer geholt. Er hat sich nicht gebessert, knurrte und bleckte die Zähne, wenn mir jemand zu nahe kam. Ilse drehte den Holzknauf aus der Schublade, ─ ein Stück gedrechseltes Holz und zugleich ein Stück längst vergangener Kindheit.

Eine letztwillige Verfügung von Ilses Mutter blieb unauffindbar. Nur die Broschüre Wie schreibe ich mein Testament? lag zusammengefaltet auf dem Tisch neben dem Fernseher.

Hatte Ilses Mutter Todesahnungen gehabt? Die Beeinträchtigungen des Diabetes mellitus gespürt? Hat sie daran gedacht, Vorkehrungen zu treffen? Ist sie wegen Schwäche, Müdigkeit, fehlender Konzentration nicht mehr dazu gekommen? Fragen über Fragen, keine Antworten. Telefonierten wir mit ihr, wurde Alltägliches, Belangloses besprochen. Sie erkundigte sich nach den Kindern, von mir war kaum die Rede, es sei denn, ich hielt den Telefonhörer in der Hand. Dann endeten die Gespräche in kürzester Zeit. Ich, der Fremdkörper in der Familie. Mit Markus und Christoph sprach sie länger, bis auch deren Sorgen und Erlebnisse keinen Gesprächsstoff mehr abgaben.

Ilse war jetzt Alleinerbin. Sie bestimmte, wer was bekommen sollte und rief bei Bekannten und Freunden an. Sie kamen, begutachteten, was abtransportiert werden sollte (fast alles), schüttelten den Kopf oder krempelten die Ärmel hoch und beluden ihre Transportwägen. In den Räumen, in denen Ilses Mutter gewohnt hatte, klangen die Stimmen nicht mehr gedämpft von Möbeln, Gardinen, Vorhängen. Sobald jemand redete, stellte sich Nachhall ein, ein Geräusch anderen Lebens, vor einem neuen, noch unabsehbaren Tod.

Ein kleiner, untersetzter Mann mit schwarzem Haar klopfte an die offen stehende Haustür: Giuseppe, sagte er schüchtern, trat ein und verbeugte sich. Er redete schnell und melodiös. In gebrochenem Deutsch sagte er, im Centro Italiano habe er gehört, hier sei was zu holen. Ob er sich die Sachen ansehen dürfe. Ilse zeigte ihm die Küchenmöbel und den Herd. Dazu zwei Tische, Stühle, alles, was noch verfügbar war. Giuseppe begutachtete die Angebote. Fast fachmännisch, sagt Ilse. Dann sei Giuseppe fortgegangen. Habe gesagt: Ich komme wieder. Ilse solle nichts weggeben. In einen Overall gekleidet, einen Handkarren hinter sich herziehend und mit einem Köfferchen kam Giuseppe zurück. Dieses Köfferchen, sagt Ilse, sei ihm wichtig gewesen. Im Badezimmer habe er es abgestellt. Der schmächtige Mann habe sich sehr anstrengen müssen, die ausgesuchten Möbelstücke zu bewegen. Herr Fleisch, den seine Frau zur Hilfe geschickt hatte, zeigte Giuseppe, wie er zupacken müsse, habe schließlich selbst mit angepackt. Ilse sah den beiden zu, wie sie Stühle und Sessel aus dem Wohnzimmer schoben, die sperrigen Wohnmöbel anhoben und, seitwärts geneigt, durch die Haustür hinaustrugen.

Die beiden beluden den Handkarren, und Giuseppe kam zurück. Ich habe ihm angeboten, dass er noch mehr mitnehmen könne, sagt Ilse. Er war erstaunt, freute sich. Das hättest du sehen müssen, die unter Schweißperlen glitzernde Stirn, den verlegenen Blick durch verklebte schwarze Haarsträhnen hindurch. Ich habe ihm, sagt Ilse, Kleidungsstücke und Wäsche angeboten: Die gehören Ihnen, wenn Sie wollen. Und er wollte. Fast andächtig nahm er Jacken, Röcke, Mäntel und Wäsche. Behutsam bündelte er, was nun in seinen Besitz überging. Ihr sei es so vorgekommen, sagt Ilse, als habe Giuseppe es sich nicht verzeihen können, die Hinterlassenschaften einer fremden Toten an sich zu nehmen. Mit geballten Fäusten stieß er die Textilien immer tiefer in Umzugskartons. Schweißperlen tropften ihm von den Schläfen. Nachdem er fertig war, ging er ins Badezimmer. Frisch gewaschen, gekleidet in einen dunkelblauen Anzug und mit seinem Köfferchen in der Hand, rief er nach der Signora. Fast stolperte er ins Wohnzimmer und verbeugte sich. Mit Tränen in der Stimme sagte er: Tut mir leid, das mit dein Mama.

Dieser Moment wahrscheinlich beabsichtigter, geschickt gespielter Ergriffenheit, sei unterbrochen worden von mehrmaligem Klingeln. Ich habe die Tür geöffnet, erzählt Ilse. Kompacki, stellte sich ein Mann vor: Firma Louis Kompacki, Entrümpelungen, Transporte, Schuttabfuhr. Sie haben mich angerufen. Hier bin ich. Voilà.

Ilse führte ihn durch die Wohnung, in den Keller, unters Dach. Zeigte ihm, was zum Abtransport noch übrig war. Den Telefontisch neben dem Eingang hat er mit einer Hand aufgehoben, ist sofort damit hinuntergegangen und gleich wieder gekommen. Eilig lief er ein zweites Mal durch alle Räume, schob im Ess─ und im Wohnzimmer die Gardinen beiseite, riss die Fenster auf, lehnte sich hinaus, eine von Gardinen umflatterte Gestalt in einem grauen Arbeitskittel, die wieder zum Eingang eilte, hinunter zum Lastwagen lief. Den Rückwärtsgang eingelegt, fuhr Kompacki über den Bürgersteig nahe an die Hauswand heran. Sehen, wie Kompacki zwei junge Burschen in den Keller kommandiert; hören, wie er sie anweist, sich um Kisten, Gestelle, den Weinschrank zu kümmern; und in der Wohnung dabei sein, wenn alles, was noch übrig war, zur Haustür getragen oder quietschend geschoben wird. Dieses Quietschen, dazu Rufe und dumpfe Schläge aus dem Keller, wo Kompackis Burschen ein Regal zerkleinern, ehe sie, der eine mit einer Säge, der andere mit einer Axt heraufkommen und alles kurz und klein schlagen, was Kompacki nicht gebrauchen kann: Ich muss an mein Geschäft denken.

In diesen Augenblicken, sagt Ilse, hab ich den Atem angehalten. Nicht weil Staub aufwirbelte, denke ich. Den Dreck haben wir mit Frau Fleisch zusammengefegt und in eine Mülltonne gekippt. Nein, in diesen Momenten, als das Büffet zu Kleinholz zersplitterte und der Holzknauf mit den Hundegebisspuren für immer verschwand, in diesen Momenten planmäßig herbeigeführter Zerstörung zerbröselten die Erinnerungen, um später zu wieder aufzutauchen.

Den Abschied von ihrer Stadt, in der sie sprechen gelernt, mit ihrer Freundin Puppen gefüttert und gebadet, mit Mullbinden umwickelt; mit dem Fritzchen, einem Jungen aus der Nachbarschaft, im Sandkasten gespielt; oder, auf dem Querbalken eines Fußballtores sitzend, zugesehen hatte, wie die Spieler auf das Tor zurannten, auf dessen Querbalken sie mit dem Gleichgewicht kämpfte und angeschrien wurde: Mach, dass da runterkommst!;

von der Stadt, in der ihr Vater Arzt gewesen war; bei Patientenbesuchen die Tochter ab und an mitgenommen hatte quer durch die Stadt; wo sie zur Grundschule und ins Mädchengymnasium gegangen, in der Stiftskirche am Sankt Arnualer Markt konfirmiert worden war,

zum Abschied von dieser Stadt hat Ilse alle, die ihr zwei Wochen lang geholfen hatten, zum Abendessen eingeladen. Mittelmeermuscheln, mit Lauch in Riesling gedünstet, wurden serviert, dazu stand Weißwein auf dem Tisch. Mit jedem Glas, das wir leerten, nahm die Lautstärke zu. Fast brach noch ein Streit aus, als jemand von dem Verrückten zu reden anfing.

Der war nicht verrückt!

Was denn?

Er hat die Wahrheit gesagt hat, obwohl er …

Obwohl er was?

Eine schwere Schädelverletzung hatte.

Und ist ins KZ „Neue Bremm“ kam …

… und nie mehr gesehen worden.

[…]

KZ – Lager „Neue Bremm“, Foto Wikipedia