Kapitel 2

Köln─Marienburg, 17. Dezember 1973, ein nebliger, grauer Spätherbsttag. Ich saß in meinem Büro, durchblätterte Zeitungen, das Telefon läutete. Ilse meldete sich:
Die Kriminalpolizei hat angerufen.
Was will denn die?
Meine Mutter ist tot.
Mord?
Nein, nein. Frau Fleisch hat meine Mutter im Koma gefunden. Die Polizei wurde verständigt, Notarzt und Krankenwagen. Die Polizei wollte sicher sein, dass ich nicht …

Du deine Mutter umbringen?
So ist das eben bei der Polizei.

Und jetzt?
Werden wir hinfahren.

Zwei Tage danach betraten wir mit Markus und Christoph, unseren Söhnen, die Wohnung. Nichts war natürlicher, als dass beide mitkamen, die zu ihren Geburtstagen und zu Weihnachten ihre Geschenke aus Saarbrücken bekamen. Jetzt, als die letzten Pakete zu Hause noch ungeöffnet herumstanden, sollten die Enkel dabei sein, wenn der Sarg ihrer Großmutter in die Erde gesenkt wird.

Frau Fleisch, die Putzhilfe, kam uns am Hauseingang entgegen, führte uns in die Wohnung. Umarmte uns, der Form halber. Sagt in gedämpftem Ton irgendetwas Tröstliches. War reserviert, sehr kühl, beobachtete Ilse, taxierte mich. Langsam wich die Skepsis. Frau Fleisch geriet ins Reden. Rückte damit heraus, dass Frau Doktor nie gut von ihrer Tochter gesprochen und ihren Schwiegersohn kaum erwähnt habe. Der sei für sie unzugänglich gewesen, undurchschaubar. Und während die Kinder anfingen sich zu langweilen und nach Helmuts Zimmer im oberen Stockwerk fragten, ob sie dahin gehen dürften, und hörten: Ja, geht rauf. Sie fanden die elektrische Eisenbahn, stellten Märklinlokomotiven auf die Schienen, schlossen den Transformator ans Netz, Stundenlang blieben sie unauffindbar. Derweil saßen wir mit Frau Fleisch im Wohnzimmer. Tassen standen bereit. Frau Fleisch goss Kaffee ein und legte los.

Ei, ei, Frau Franke, sagt Frau Fleisch. Fast jeden Satz fing sie mit Ei ei an. Gut, dass Sie das nicht haben sehen müssen, ich sage Ihnen … Sie habe fast einen Schock erlitten, als sie die Wohnungstür aufgesperrt habe, einen Todesschock. Ei, ich sage Ihnen, gut, dass Ihnen das erspart geblieben ist. Sie sei ja mittlerweile alt genug, um vieles mit ansehen zu müssen. Und sie habe auch manches schon gesehen. Aber das …Ei nein, Frau Franke, so was noch nie. Ein Mensch, hilflos, bewusstlos, kaum noch atmend, liegt vor mir auf dem Boden im Flur hinter der Wohnungstür. Ich bin fast drüber gestolpert. Stellen Sie sich das mal vor, die Putzhilfe stolpert über die Frau Doktor! Ist das nicht schrecklich, Frau Franke? Ei, schrecklich ist gar kein Ausdruck. Erschütternd ist das gewesen. Die Frau, die ich am Samstag noch gesehen, mit der ich gesprochen, gelacht habe, diese Frau liegt am Montag, meinem Putztag, morgens um sieben auf dem Fußboden vor mir, total beschmutzt. Ei, beschmutzt ist gar kein Ausdruck. Eingekotet, flüsterte Frau Fleisch, so wahr ich vor Ihnen sitze (sie stand auf und goss Kaffee nach) und Ihnen das erzähle. Ihre Mutter (zu mir: Ihre Schwiegermutter) lag in ihren Exkrementen da. Kot, Erbrochenes, Urin, alles zusammengelaufen zu einem ekelhaft stinkenden Brei. Ei, Frau Franke, riechen Sie noch was?

Nein, sagt Ilse, Sie haben alles richtig gemacht. Bestens. Ich danke Ihnen. Und wenn Sie mögen und Zeit haben, Frau Fleisch, würden Sie im neuen Jahr wieder kommen und mir helfen beim Ausräumen?

Ei, gewiss doch, Frau Franke. Ich sehe ja, dass Sie anders sind, als wie die Frau Doktor immer gesagt hat. Und noch etwas muss ich Ihnen erzählen, Frau Franke. Die Frau Doktor hat sich eine Bratwurst gekauft. Am Samstag kam sie ganz beschwingt damit an, als ich mit dem Staubsauger noch zugange war. Plötzlich, an der Metzgereitheke, habe sie ─ die Frau Doktor ─ Bratwürste gesehen und einen Heißhunger darauf bekommen. Ich weiß ja nicht, ob Bratwürste verboten sind für Zuckerkranke, ich bin ja keine Doktorsfrau. Aber am Samstag in der Metzgerei hat Ihre Mutter den Bratwurstheißhunger bekommen, sagt sie mir. Seit Jahren habe sie keine Bratwurst mehr gegessen, aber jetzt muss endlich mal wieder eine Bratwurst ran. Ganz plötzlich sei der Appetit da gewesen. Am Sonntag wahrscheinlich, sagt Frau Fleisch, hat Ihre Mutter (zu mir: Ihre Schwiegermutter) die Bratwurst dann zubereitet. Mit Kartoffeln und grünem Salat. Das weiß ich genau. Die Reste hab ich in der Küche gefunden, eindeutige Salat- und Bratwurstspuren. Sogar die Kriminalpolizei hat das bestätigt. Und all die anderen Spuren der letzten Stunden: von der Küche quer durch den Flur zur Toilette, von da ins Badezimmer und wieder zurück in den Flur. Ei, eine Katastrophe, sage ich Ihnen. Und das alles einer Bratwurst wegen! ─ Den Bratwursttod ist Ihre Mutter gestorben, flüsterte Frau Fleisch. Sie erschrak, was sie da eben gesagt hatte. Verlegen drehte sie den Kopf nach links, nach rechts. Tat so, als könne sie sich nicht mehr erinnern, nicht weitersprechen ─ aber sie redete weiter, flüsternd nur, aber sie redete. Es schien, als ob Frau Fleisch sich selbst nicht sicher sei, was sie jetzt tun dürfe und was nicht, was unerlaubt war, wie sie das umgehen könnte. Dann raffte sie sich auf, hustete und tat, was sie nicht tun sollte. Das hat mir Ihre Mutter (zu mir: Ihre Schwiegermutter) ans Herz gelegt.

Helmut Pistorius, Familienarchiv.

Helmut Hans Joachim Pistorius. Geburtsregister der Stadt Saarbrücken Nr.184/1936, *23.2.1936 +23.1.1971. Optiker. Später Umschulung zum Verwaltungsangestellten in Bad Oeynhausen mit der Aussicht Beamter zu werden. 1959 erhebliche Sehstörung auf dem rechten Auge. Fachuntersuchung in einer Essener Augenklinik. Kaum Aussicht auf Besserung. Im Verlauf weiterer Jahre erhebliche Gewichtszunahme. Kaum mehr Ähnlichkeit mit seinem früheren Aussehen. Nur einmal wöchentlich internistische Blutzuckerkontrolle. Keine ophthalmologische Spezialbehandlung.

Mit Ihnen, sagt Frau Fleisch zu Ilse, sollte ich darüber nicht reden. Nie! Aber es gehört zu seinem Leben. Hat gehört. Dass er nicht leben konnte, wie er wollte. Dass ihm das Gymnasium Schwierigkeiten bereitete. Deshalb hat Ihr Vater ja noch eine Lehrstelle bei einem Optiker an Land gezogen. Ausgerechnet bei einem Optiker, aber das wissen Sie ja alles besser als ich. Was rede ich da … Insulin, flüsterte Frau Fleisch, … Dreimal am Tag Insulin spritzen … Du lieber Gott … Und Salat und Orangen essen … Äpfel, Birnen, Obst. Obst und noch mal Obst. Wenn ich doch nur dieses Wort … So was wissen Sie nicht, können Sie nicht wissen. Sie waren so selten hier seit Ihrer Heirat … Das ist es gewesen. Ihre Heirat, Frau Franke.

Sie sind’s gewesen, sagt Frau Fleisch und zeigt mit dem Finger auf mich. Sie, dieser Karneval damals in Frankfurt, das Standesamt in Stuttgart irgendwo, ohne die Frau Doktor. Und dann Tübingen. Ja, Ihre Schwiegermutter ist hingefahren. Hat ihren Sohn mitgeschleppt. Der ist gar nicht so ungern mitgefahren. Hat sich ans Lenkrad gesetzt, Gas gegeben … Ach, was red ich. Ich war ja nicht dabei. Und als die beiden zurückkamen, ging’s richtig los hier.

Denn eines müssen Sie wissen, Frau Franke, Ihr Bruder hat plötzlich eine Freundin gehabt. War verliebt. Gibt’s was Natürlicheres, als wenn sich ein junger Mann in eine junge Frau verliebt? Nicht, dass ich wüsste. Aber Ihre Mutter, Frau Franke … Die wollte nichts davon wissen. Bei Ihnen, dass Sie einen Freund hatten … Ei, wissen Sie, Herr Franke … Die Mutter von Ihrer Frau hat auch das mit der Zweiten hintertrieben. Hinterrücks, würde ich sagen. Ei, so aus dem Hinterhalt, als wie im Fernsehen. Wie, konnte Frau Fleisch nicht sagen. Jedenfalls erzählt sie nichts davon. Einmal in Fahrt gekommen, spulte sie ihre zweite Freundinnengeschichte weiter. Kaum war die erste weg, war die Nachfolgerin da. Und der ist’s nicht anders ergangen wie der ersten. Ihre Mutter, Frau Franke …

Plötzlich unterbrach Frau Fleisch ihre Freundinnengeschichten. Nur eins wollte sie noch loswerden: Erinnern Sie sich noch an Helmuts Beerdigung?, fragt Frau Fleisch.

Ilse: Was meinen Sie? Den Schneeregen? Die Schauern? Die Kälte?

Ja, sagt Frau Fleisch. Aber das war einer jungen Frau egal. Sie, die Zweite, ist noch lang am Grab stehen geblieben. Ich hab mich ein paarmal umgedreht. Immer noch stand sie da und rührte sich nicht vom Fleck. (…)