Ein Augenblick der Schönheit (Ausschnitt)

Dieses Foto, von Johanna Pistorius (Tante Hannchen) aufgenommen, gibt Rätsel auf. Weder der Name der dargestellten Person, noch Tag, Monat und Jahr des Fotos sind auf der Rückseite oder auf einem Begleitzettel vermerkt.

Eine junge Frau im Alter von vielleicht 23 oder 25 Jahren ist abgebildet. Die von rechts fotografierten Gesichtszüge zu beschreiben; den aufmerksam, fast erstaunt nach vorn gerichteten Blick, als säße sie nicht in einem für diese Gelegenheit ausgeleuchteten Atelier; die eine Spur zu groß gewachsene Nase; den mühelos geschlossenen Mund; die glatte Wange; das aus der Stirn geschwungene, bis in den Nacken fallende Haar; dieses faltenlose, ebenmäßige Frauen- oder Mädchenprofil auch mit noch behutsam gewählten Sätzen festzulegen, die es ein zweites Mal, vielleicht noch eindringlicher erscheinen lassen würde als es die Fotografie darbietet, wäre unangemessen. Alles Sichtbare spricht für sich selbst. Man kann von ihm nur sagen, dass es in jugendlicher Schönheit vorhanden ist.

Dieser Eindruck wird noch dadurch unterstützt, dass die rechte Schulter und der rechte Arm der jungen Frau unbekleidet sind. Über die linke, der Kamera abgewandte Schulter gelegt, um den Rücken geschlungen, unter der rechten Achsel wieder hervorkommend und an der Stelle auf der Brust von der rechten Hand gehalten, wo eine dünne Kette mit einem Medaillon endet, trägt die junge Frau ein helles Tuch. Sie rafft es so, dass die Brust bedeckt ist. Nur deren Ansatz ist sichtbar. Die Gebärde des aufwärts gewinkelten Unterarms und die auf den Oberkörper gelegte Hand verleiht dem Porträt etwas abwehrend Verhüllendes, das sich dem Betrachter unaufdringlich mitteilt.

Seine Aufmerksamkeit wird erneut geweckt von dem Bildteil unterhalb der Hand, die das Tuch hält. Es wirft Falten und verbirgt etwas. Eine Wölbung? Vielleicht ist die junge Frau schwanger? Eine Vermutung, die auch wiederholtes Betrachten weder bestätigen noch ausschließen kann. Möglicherweise täuscht der Fall des um den Körper gelegten Tuchs nur etwas vor, eine nicht beachtete, doch als reizvoll zu bewertende Zufälligkeit, die dem Bild einen Titel geben könnte. Der ist jedoch nicht überliefert. Ebenso wenig der Name des Modells.

Ilse erzählt, ihre Tante sei zu Hause streng erzogen worden. Deren  Vater habe nicht mit sich spaßen lassen. Die Stiefmutter dagegen sei um Ausgleich bemüht gewesen, wie sie auch ihrem leiblichen Sohn das Medizinstudium in Greifswald heimlich finanzierte. Tante Hannchen, erzählt Ilse, durfte nicht den Beruf ergreifen, den sie ausüben wollte. Lehrerin zu sein erschien dem Vater zu gefährlich. Denn die Tochter hätte an Tuberkulose erkranken können. Johannas leibliche Mutter war daran gestorben. So wich Hannchen auf ihre künstlerische Begabung aus.

Ob sie in Breslau und Umgebung oder in Dachau, wo sie zeitweilig lebte, stadtbekannt gewesen ist oder sich ähnlich unabhängig wie Franziska zu Reventlow gebärdete: Keine Ahnung, sagt Ilse. Ein Kind hat sie nicht zur Welt gebracht. Hannchen himmelte alle Männer an, vor allem Künstler. Wenn einer von ihnen, ein Opernsänger auf dem Grünen Hügel in Bayreuth auftrat, lief Hannchen schon Tage zuvor zum nächsten Telefonhäuschen und rüttelte die Verwandtschaft auf: Heute Abend den Radioapparat eischalten! Der Sowieso singt den Sowieso! Meine Eltern, sagt Ilse, sind dem Appell gefolgt, eine Zeitlang wenigstens, bis es selbst meinem Vater zu bunt wurde. Und wenn meine Tante ihre Wohnung verließ, zum Einkaufen unterwegs war oder Motive suchte, – unter freiem Himmel fühlte sie sich am wohlsten. Auf niemanden brauchte sie Rücksicht zu nehmen. Das anfangs hochgesteckte, später in einem Nackenknoten nachlässig zusammengefasste, oftmals vom Wind zerzauste Haar und der wehende lange Rock verliehen ihr ein von bürgerlichen Konventionen befreites, genialisches Aussehen. Das freilich versprach mehr als die Künstlerin einlösen konnte. Johanna, sagt Ilse, hat mich in manche Kunstausstellung mitgenommen. Ilses Urteile über Gemälde oder Plastiken waren mehr als nur spontane Geschmacksansichten. Das verdankte sie der Halbschwester ihres Vaters.

Der machte sich, samt Familie, lustig über Johanna, wenn sie Halbbruder, Schwägerin und die beiden Kinder fotografierte. Das beabsichtigte Bild sollte mehr sein als ein übliches Knipsergebnis. Die fotografische Aufnahme als Erinnerungsstück, ─ ja. Gleichzeitig aber auch der Beweis für die Begabung der Künstlerin, ihr Können, ihre Beharrlichkeit. Das gelang ihr nicht ohne äußerste Anstrengung, sagt Ilse. Unser Wohnzimmer wurde zur Bühne umfunktioniert.

Zuerst schob die Fotografin ein paar Möbel beiseite, rückte Stühle und einen Tisch zusammen; schleppte Scheinwerfer ins Zimmer, stellte sie auf, schloss sie an die Steckdose an und richtete sie so aus, dass sie teils den Schauplatz, teils den Hintergrund und die seitlichen Begrenzungen des künftigen Fotos anstrahlten. So wurde der Ausschnitt eines Zimmers simuliert. Ein Raum im Raum hergestellt. Den betrachtete die Fotografin zunächst durch den Sucher ihrer Kamera. Danach erst, so Ilse, kamen wir an die Reihe.

Wir mussten uns setzen, aber nicht so, wie wir das gewöhnlich taten. Alltägliches Sitzen, das Sitzen zum Ausruhen, also lässige, bequeme Körperhaltungen waren tabu. Es ging hier nicht allein um das Sitzen, sondern um die Botschaft: hier sitzen Menschen beisammen, die aufs engste miteinander verbunden sind. Eine Familie eben. Und die musste sich absolut ruhig verhalten. Still sitzen, damit die Fotografin nicht durcheinanderkam mit ihren Vorstellungen von Familie und den Tücken ihres Handwerks; einem Kabel etwa, das auf dem Fußboden herumlag; einem Stuhl, der plötzlich im Weg stand. Still sitzen also inmitten des Tohuwabohus, das die Künstlerin mit ihrem Möbelrücken verursachte. Hannchen lief ständig hin und her. Hantierte mit irgendetwas herum; fing an, den Abstand zwischen Kamera und Familie mit einem Bandmaß auszumessen. Danach wurden unsere Köpfe justiert: Mehr nach links, bitte! Wieder zurück, mehr nach rechts! Kinn anheben! Augenbrauen hochziehen, nicht zu hoch, um Gottes willen! Inzwischen war ein Kinn zu hoch gerutscht. Senken, bitte, sen-ken, sag ich. Ein bisschen, nur ein klein wenig. Verstehst du das denn nicht? Red’ ich chinesisch?

Und dann die Lippen. Mit der Zunge mussten wir sie anfeuchten. Später sollten sie auf dem Abzug glänzen. Ihr lebt ja, seid jung, mein Gott noch mal!

Fast schon ermüdet von aller Betriebsamkeit, kam meine Tante dicht an uns heran, sagt Ilse. Hannchen bemängelte unsere Schulterhaltungen: Nicht zu lässig, erst recht nicht zu steif. Natürlich sollt ihr sitzen! Wie vier Menschen, die zusammengehören. Deren Blickrichtungen mussten koordiniert werden: Die Ehefrau sollte den Ehemann, der Sohn die Mutter, die Tochter den Vater ansehen. Dieses Stichkreuzen von unsichtbaren Linien sollte dem Ganzen einen geometrischen, gleichsam wissenschaftlich nachprüfbaren Zusammenhalt suggerieren, eben den Eindruck Familie.

Plötzlich zurücktretend, änderte Johanna die Standorte der Lichtquellen oder deren Filter, so genau wusste Ilse das nicht mehr. Meine Tante trat hinter die Kamera: Mit zusammengekniffenen Augen, die ihr Gesicht für einen Augenblick entstellt aussehen ließen. Ein Gesicht, das äußerste Konzentration widerspiegelte. Eine Konzentration, die nicht mehr der Familie ihres Stiefbruders galt, sondern vier vor ihr sitzenden Figuren. Wen sie darstellten, schien der Fotokünstlerin gleichgültig zu sein. Sie sah nur noch Objekte, Modelle, auf die sie Blende, Belichtungszeit und Entfernung einstellte.

Schließlich kam meine Tante wieder zu uns zurück, sagt Ilse. Mit vorgestrecktem Zeigefinger tippte sie Arme oder Schultern an, strich Haarsträhnen aus einer Stirn, drückte einen Kopf zurück, zog mit allen zehn Fingern einen Oberkörper nach vorne und trat, beim Rückwärtsgehen stolpernd, erneut hinter die Kamera und korrigierte zum wiederholten Mal die Lichtrichtung. Und wir, sagt Ilse, holten tief Luft, hielten ihr zuliebe den Atem an. Wie Statuen sitzt ihr da!, rief sie. Danach Schweigen. Die eiserne Johanna, flüsterte mein Vater, sagt Ilse. Und wir fingen an zu kichern.

Plötzlich verschwand die Fotografin, tauchte buchstäblich ab. Sie warf sich ein schwarzes Tuch über Kopf und Schultern, um noch ein letztes Mal irgendeine Korrektur anzubringen, die uns verborgen blieb. Oder sie wollte sich einfach unserem Grinsen und Kichern entziehen.

Mein Vater, sagt Ilse, erlaubte sich bei einer solchen Fotoprozedur einmal den Scherz, seine Halbschwester von hinten mit Blitzlicht in dem Moment aufzunehmen, als sie hinter der Kamera abgetaucht war: die kräftigen Beine gespreizt und den Oberkörper so weit nach vorne gebeugt, dass nur noch das Gesäß sichtbar war, verhüllt von einem langen dunklen Rock, der vorne den Boden berührte und hinten die Kniekehlen mit den Strumpfbändern freigab: Die Künstlerin bei der Arbeit!

Einer Arbeit, die sich nur dem erschließt, der die Absichten zu erkennen versucht, welche sie verwirklichen wollte. Hier der Zusammenhalt der Familie; bei dem Foto der namenlosen jungen Frau ein Augenblick jugendlicher Schönheit und Freiheit. Einer Freiheit, die Johanna Pistorius für sich durch Anpassung erkaufte.

Nach vielen Jahren fällt auf einem Portraitfoto, das Johanna zeigt, am linken Jackenrevers ein unscheinbarer Fleck auf. Farbe: grau, als hätte sich da eine Fliege verewigt. Möglich aber auch: Hier sollte etwas diskret aus der Welt geschafft werden. Ein Bleistift könnte behilflich gewesen sein. Graue Schraffuren, hauchdünne Minimalstriche waren gut dazu geeignet ein Foto aus der Vorkriegszeit dem Nachkriegsniveau anzupassen. Die Fotografin und Malerin verfügte von Berufs wegen über eine geübte Hand. Ein prüfender Blick durch eine Lupe bestätigt: Der graue Fleck besteht tatsächlich aus Bleistiftstrichen. Ein Radiergummi, vorsichtig angesetzt und leicht über die Oberfläche gezogen, lässt die Bleistiftstriche verschwinden. Eine runde Metallscheibe tritt zutage mit rotem Rand, in der Mitte ein weißer Kreis und ein schwarzes Hakenkreuz.